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Mittwoch, 17. Juni 2026


Tage im Delta
(Juli 2022)







Von Transsilvanien bis ins Donaudelta ist es ein weiter Weg.
Als ich in Brăila aus dem Bus stieg, hatte ich bereits rund sechs Stunden Fahrt hinter mir. Nun standen nochmals zweieinhalb Stunden bis Tulcea bevor.

Kurz hinter dem nördlichen Stadtrand von Brăila erreichten wir die Donau.

Dort wartete eine Fähre.

Ich mochte diese Überfahrt sofort. Während Autos, unser Bus und Lastwagen auf das Schiff rollten, floss einer der grossen Ströme Europas gemächlich vorbei.

ehemalige Fähre über die Donau gleich hinter Braila
die Fähre über die Donau

Später erfuhr ich, dass die Fähre bald Geschichte sein würde. Seit 2023 verbindet eine gewaltige Hängebrücke die beiden Ufer.

Damals gehörte die Fähre noch ganz selbstverständlich zur Reise ins Donaudelta.

Tulcea gilt als Tor zum Donaudelta. Von hier starten die meisten Ausflüge in das weit verzweigte Netz aus Kanälen, Seen und Wasserwegen.

Auch ich blieb zunächst in der Stadt und machte eine Bootstour durch das Delta.

Sechs Stunden lang waren wir auf dem Wasser unterwegs. Die Route führte über den Sulina-Kanal und durch die weit verzweigte Seenlandschaft bis nach Mila 23.

Mila 23, das lipowanische Dorf im Donaudelta, 23 Meilen von der Donaumündung entfernt
Mila 23 - Der 23 Meilenmarker ab der Donaumündung

Die orthodoxe Kirche in Mila 23
Orthodoxe Kirche der russischen Altgläubigen in Mila23

Bootstour durch das Donaudelta in Rumänien

Bootstour durch das Donaudelta in Rumänien

Bootstour durch das Donaudelta in Rumänien

Das Donaudelta gehört zu den grössten und artenreichsten Feuchtgebieten Europas. Schon nach kurzer Zeit verlor ich den Überblick über die vielen Vogelarten.

Besonders beeindruckend waren die Pelikane. Immer wieder zogen Gruppen von Rosapelikanen und Dalmatinischen Pelikanen über unserem Boot vorbei. Manche trieben auf dem Wasser, andere flogen in niedriger Höhe über die Seenlandschaft.

Daneben sah ich Schwarzstörche, Seeadler, Fasane und zahlreiche weitere Vogelarten. Sogar ein Schakal zeigte sich kurz am Ufer. In einem Seitenarm entdeckten wir zudem eine Wassernatter, die zwischen den Schilfstängeln verschwand.

Pelikane gleiten über das Wasser im Donaudelta

Goldschakal
Pelikane kreisen über dem Donaudelta

Die Landschaft wirkte stellenweise fast unwirklich. Endlose Schilffelder, stille Seen und schmale Wasserwege wechselten sich ständig ab. Immer wieder öffneten sich weite Wasserflächen, bevor das Boot erneut in einen schmalen Kanal einbog.

Bei über 30 Grad brannte die Sonne erbarmungslos auf das Deck, aber die sechs Stunden auf dem Wasser klingen länger, als sie sich anfühlten.

Mila 23 erhielt seinen Namen vom einstigen 23-Meilen-Marker ab der Donaumündung. Heute stimmt die Distanz zwar nicht mehr ganz, geblieben ist jedoch einer der bekanntesten Orte des Deltas.  Dort machten wir Mittagspause.

Gegessen wurde nicht in einem Restaurant, sondern bei einer Familie im Dorf.

Zur Vorspeise gab es eine Störsuppe, danach Welsfilet.

Am späten Nachmittag kehrten wir nach Tulcea zurück.

Eigentlich wollte ich noch am selben Abend weiter nach Sfântu Gheorghe fahren.

Das letzte Boot hatte ich allerdings verpasst.

Mein Gepäck lag noch im Hotel in Tulcea. Nachdem ich es abgeholt hatte, eilte ich zur Conex-Busstation, um wenigstens noch den Bus nach Murighiol zu erwischen.

Wie sich später herausstellte, hätte ich mir diesen Fussmarsch sparen können. Der Bus fuhr direkt an meinem Hotel vorbei.

Aber immerhin hatte ich mir dadurch einen Sitzplatz gesichert.

Murighiol war nicht mein Ziel gewesen. Es war lediglich die beste verfügbare Alternative. Immerhin brachte mich der Umweg ein Stück näher an mein eigentliches Ziel. Murighiol liegt bereits deutlich tiefer im Donaudelta als Tulcea.

Mein Hotel lag direkt am Lacul Murighiol. Die Anlage war erstaunlich gross. Auf meine Frage, wo die ganzen Gäste seien, erklärte man mir, dass unter der Woche kaum jemand komme. Die Einwohner von Tulcea würden vor allem an den Wochenenden hierherfahren.

Dafür waren die Frösche da.

Und zwar in einer Lautstärke, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte.

Später kamen noch die Zikaden dazu.

Am nächsten Morgen machte ich mich zu Fuss auf den Weg nach Mahmudia.

Dort wartete das Schnellboot nach Sfântu Gheorghe.

Die meisten Passagiere schienen Einheimische zu sein. Viele kannten sich offenbar. Während wir auf die Abfahrt warteten, dröhnte Technomusik aus den Lautsprechern.

Wenig später rasten wir mit dem Schnellboot durch den Saint-George-Kanal Richtung Sfântu Gheorghe.

Die Motoren waren laut. Die Musikanlage wurde dafür auf noch lauter gestellt.

Dann tauchte Sfântu Gheorghe auf.

Ankunft in Sfantu Gheorghe, Endstation im Donaudelta

Anlege Jetty in Sfantu Gheorghe, Endstation der Donau

Der Ort liegt dort, wo die Donau ihre Reise beendet.

Fast 3000 Kilometer zuvor entspringt sie im Schwarzwald. Danach durchquert oder berührt sie zehn Länder, passiert Grossstädte, Burgen, Industriegebiete und Naturlandschaften.

Hier endet alles.

Wer nach Sfântu Gheorghe will, kommt mit dem Boot.

Nach der lauten Fahrt im Schnellboot wirkte Sfântu Gheorghe fast unwirklich ruhig.

Viele Häuser standen auf grossen Grundstücken entlang der sandigen Strassen. Besonders gefallen haben mir die verzierten Giebel und geschnitzten Holzelemente, die man an vielen Gebäuden entdecken konnte.

Viele dieser Häuser erinnern an die Lipowaner, Nachfahren russischer Altgläubiger, die sich vor Jahrhunderten im Donaudelta niederliessen. Durch die lange Isolation ihrer Dörfer konnten sie viele ihrer Traditionen bewahren. Ihre Spuren sind bis heute sichtbar und verleihen dem Ort einen ganz eigenen Charakter.

lipowanische Giebel in Sfantu Gheorghe, Rumänien, Donaumündung, Donaudelta



Asphaltierte Strassen gibt es keine. Die Wege im Dorf bestehen aus Sand. Autos sieht man nur wenige. Stattdessen bestimmen Fahrräder, Boote und Fussgänger das Bild.

Genau solche Orte ziehen mich immer wieder an.

Schon nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, weit weg von allem zu sein.

Nicht nur von Bukarest oder den Städten Rumäniens.

Sondern von Europa überhaupt.

Es gibt keinen Durchgangsverkehr. Der Ort liegt nicht auf dem Weg, er ist das Ziel.

Hier landet niemand zufällig.

Vielleicht hat mir der Ort gerade deshalb so gut gefallen.

staubige Hauptstrasse durch Sfantu Gheorghe im Donaudelta Rumänien
Eine der Hauptstrassen durch Sfantu Gheorghe

Vom Dorf führte ein etwa halbstündiger Fussweg zum Strand.

Unterwegs stand eine improvisierte Kaffeebar neben einem Gartentor. Der Betreiber stammte irgendwo aus dem Westen Rumäniens, nahe der ungarischen Grenze. Den Sommer verbrachte er hier bei seinen Eltern und verdiente sich mit Kaffee etwas dazu.

Am Strand angekommen hatte man die Wahl.

Wer Gesellschaft suchte, blieb in einer der beiden Strandbars.

Wer Ruhe wollte, ging ein paar Hundert Meter weiter.

Geht man nach links, teilt man den Strand nur noch mit einigen Kühen und Wasservögeln. Dieser Strand erstreckt sich von Sfântu Gheorghe bis Sulina über rund vierzig Kilometer. Hotels, Strandpromenaden oder Ferienanlagen sucht man hier vergeblich. Es gibt nur Sand, Meer und Wind.

der 40 km lange Strand zwischen Sfantu Gheorghe und Sulina, Donaudelta Rumänien
Kühe am 40km langen Strand nach Sulina

Geht man in die andere Richtung, gelangt man zur Mündung der Donau.

Sandbänke ragen weit hinaus ins Wasser. Der Fluss vermischt sich mit dem Schwarzen Meer.

Man kann kaum sagen, wo die Donau aufhört und das Meer beginnt. Es ist kein Ort, der mit grossen Attraktionen beeindrucken will.

Vielleicht hatte ich gerade deshalb nicht erwartet, dass er mich so berühren würde.

Vielleicht weil die Donaumündung über Jahre hinweg nur ein Punkt auf einer Weltkarte gewesen war. 

Nun war ich tatsächlich da.

Den Ort das Ende der Welt zu nennen, wäre wohl etwas übertrieben.

Das Ende Europas fühlte sich hingegen erstaunlich plausibel an.

Hier endet nicht nur die Donau.

Hier enden auch die Eile und das Gefühl, noch irgendwo hin zu müssen.

Hier fliesst die Donau in das schwarze Meer, das ist die Donaumündung des St. George Kanals in Sfantu Gheorghe in Rumänien
Hier endet die Reise der Donau

Abendstimmung in Sfantu Gheorghe, Endstation Donau

Abendstimmung auf der Landstsase in Sfantu Gheorghe im Donaudelta Rumänien
Abendstimmung in Sfantu Gheorghe
🛠️ Praktische Infos zum Donaudelta

  • Übernachtung in Tulcea: Als perfekte Basis vor dem Delta-Trip bietet sich das Hotel Egreta an. Es liegt sehr nah am Donauufer und der Flusspromenade. Einzelzimmer ab €40 pro Nacht.  Hinweis: Das Gebäude selbst gewinnt keinen Schönheitspreis, überzeug aber durch sein Preis-Leistungsverhältnis.
  • Schneller Wassertransfer: Wer zügig und wendig durch die Kanäle nach Sfântu Gheorghe oder Mila 23 möchte, bucht am besten ein Schnellboot bei der privaten Firma Deltatransfer (transfer-delta.ro).
  • Die klassische, langsame Fähre: Wer das Delta lieber ganz entschleunigt erleben möchte, nimmt die grossen Passagierschiffe der staatlichen Linie Navrom Delta. Die Schiffe fahren in der Regel um 13:30 Uhr in Tulcea ab. Den aktuellen Fahrplan und Online-Tickets finden Sie direkt auf der offiziellen Webseite von Navrom Delta.
🍴 Kulinarische Highlights:
  • In Tulcea: Für ein perfektes Abendessen direkt an der Uferpromenade sorgt das Restaurant Ivan Pescar. Top-Adresse für hervorragende, fangfrischen Fischgerichte.
  • In Sfântu Gheorghe: Wer im Delta ankommt, sollte unbedingt im La Sfătoi essen gehen. Hier gibt es wunderbare, authentische lokale Küche direkt am Ponton mit Blick auf die Donau


Mittwoch, 10. Juni 2026

Fünfzehn Jahre später




Heute vor fünfzehn Jahren erschien der letzte Eintrag auf diesem Blog.



Damals hätte ich nicht gedacht, dass zwischen zwei Beiträgen einmal fünfzehn Jahre liegen würden.

Ganz verschwunden war dieser Blog allerdings nie. Er geriet mit den Jahren in den Hintergrund, blieb aber immer irgendwo präsent.

Vor einigen Tagen begann ich wieder in den alten Beiträgen zu lesen.

Zunächst nur einen Eintrag. Dann noch einen. Und noch einen.

Was für ein schönes Gefühl.

Einige Geschichten waren sofort wieder da. Orte, Begegnungen, Busfahrten, die ich längst vergessen glaubte. Andere Einträge las ich mit einer gewissen Verwunderung.

Nicht weil ich mich nicht wiedererkannt hätte. Im Gegenteil.

Aber manche Passagen würde ich heute wohl anders schreiben. Manche Beobachtungen anders formulieren. Und über das eine oder andere Urteil würde ich vermutlich noch einmal nachdenken.

Wahrscheinlich kennt jeder dieses Gefühl beim Lesen alter Tagebücher. Man erkennt sich wieder und gleichzeitig auch nicht. 

Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit, in der sich einiges verändert hat. Menschen kamen und gingen. Aus dem Rucksackreisenden wurden ein Vater von zwei Kindern und ein Selbständiger, mit einem Kalender, der heute etwas voller ist als damals. Beruf, Familie und andere Prioritäten traten an die Stelle der grossen Freiheiten von früher. Die monatelangen Backpacking-Touren gehören vorerst der Vergangenheit an.

Beim Lesen fiel mir aber noch etwas anderes auf.

Nicht nur ich habe mich verändert. Das Reisen selbst hat sich verändert.

Als wir damals unterwegs waren, gab es keine Smartphones in der Hosentasche. Unterkünfte wurden nicht im Voraus gebucht. Oft stiegen wir irgendwo aus einem Bus, liefen durch ein paar Strassen und suchten uns eine Unterkunft. Manchmal war die erste voll, manchmal die zweite, und manchmal landeten wir an einem Ort, den wir nie gefunden hätten, wenn wir ihn vorher im Internet gesucht hätten.

Bahntickets kaufte man am Schalter. Für Sehenswürdigkeiten stellte man sich an, statt Zeitfenster Monate im Voraus zu reservieren. Und wenn man den Weg nicht wusste, fragte man jemanden.

Wir reisten mit Reiseführern und Empfehlungen anderer Reisender. Mein Navigationssystem bestand damals oft aus einem herausgerissenen Stadtplan aus dem Lonely Planet, einem kleinen Notizbuch und einer sehr ungefähren Vorstellung davon, wo ich mich gerade befand.

Vieles war ungewisser. Vieles war langsamer. Manches ging auch schief.

Rückblickend habe ich manchmal das Gefühl, genau zur richtigen Zeit unterwegs gewesen zu sein. Das Internet gab es bereits, Social Media und die permanente Erreichbarkeit steckte aber noch in den Kinderschuhen.

Man konnte reisen, ohne ständig online zu sein. Man konnte sich verlaufen. Man konnte Überraschungen erleben.

Vor allem aber wurde weniger dokumentiert.

Heute begegnet man Selfie-Sticks, Influencern, Drohnen und Menschen, die ihre Reise in Echtzeit mit der Welt teilen. Daran ist nichts falsch. Es ist einfach eine andere Zeit.

Unsere Fotos entstanden damals nicht für Instagram. Die Blogeinträge nicht für Algorithmen und Klicks.

Wenn wir damals einen Blog schrieben, dann vor allem, um Eltern, Geschwistern und Freunden ein wenig zu vermitteln, was wir unterwegs erlebten.

Vielleicht erklärt das auch, warum das Wiederlesen dieser alten Beiträge mir so viel Freude macht. Sie sind keine Inszenierung. Sie sind Momentaufnahmen einer Reisezeit, die inzwischen fast schon historisch wirkt.

Der eigentliche Wert dieses Blogs ist mir bei der Wiederentdeckung bewusst geworden.

Viele der Geschichten, die ich hier wiedergefunden habe, hätte ich ohne diese Einträge längst vergessen.

Nicht die grossen Abenteuer. An die erinnert man sich auch nach fünfzehn Jahren noch. Die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Die Wochen auf dem Annapurna-Trek. Der Weg zum Everest Base Camp.

Was verblasst, sind die unscheinbaren Momente:

– Das Gespräch mit einem Rikschafahrer.

– Die endlose Busfahrt, weil die Strasse nach einem Erdrutsch unpassierbar geworden war.

– Der kleine Clownfisch, dem wir beim Hausriff auf Pulau Weh jeden Tag einen Besuch abstatteten.

Genau diese Dinge tauchen in den alten Beiträgen wieder auf.

Und plötzlich wird aus einem Reiseblog etwas anderes: ein Gedächtnis.

Und beim Lesen habe ich gemerkt, dass etwas geblieben ist.

Die Neugier sowieso. Die Freude daran, an einem unbekannten Ort anzukommen. Das Interesse an Menschen, Landschaften, Geschichte und Geschichten. Die kleinen Zufälle unterwegs.

Und auch die Lust, darüber zu schreiben.

Nicht für eine grosse Leserschaft. Die hatte dieser Blog nie. Die Zugriffszahlen waren damals schon überschaubar, und daran wird sich vermutlich auch nichts ändern.

Aber das spielt keine Rolle.

Seit dem letzten Eintrag auf diesem Blog war ich weiterhin unterwegs. Nicht mehr monatelang am Stück mit dem Rucksack durch Asien, dafür in vielen kürzeren Etappen. Die Reisen führten mich erneut nach Indien und China, in die Karibik, nach Nordafrika, in den Senegal und immer wieder quer durch Europa.

Aus Monaten wurden Wochen. Ferien, die zwischen Beruf, Familie und Alltag ihren Platz finden mussten.

Geblieben ist jedoch die Art des Reisens. Noch immer bin ich am liebsten mit dem Rucksack unterwegs. Noch immer bevorzuge ich einfache Unterkünfte. Noch immer macht es mir mehr Freude, durch eine unbekannte Stadt zu streifen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein, als möglichst bequem von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gebracht zu werden.

Wenn ich als Zwanzigjähriger eine Liste meiner grossen Reiseträume geführt hätte, wären die meisten Punkte heute wohl abgehakt. Machu Picchu. Die Osterinsel. Lhasa. Petra. Viele der Orte, von denen ich damals träumte, habe ich tatsächlich besuchen dürfen.

Das ist ein grosses Privileg.

Heute interessiert mich oft weniger das grosse Ziel als die Geschichte dahinter. Die kleinen Eigenheiten eines Ortes. Eine historische Strassenbahn. Ein vergessenes Monument am Strassenrand. Ein Wochenende in einer Stadt, die nie auf einer Liste der grossen Sehenswürdigkeiten auftauchen würde.

Andere Reisen werden folgen. Sie sind kürzer geworden. Oft näher.

Aber unterwegs zu sein hat nie aufgehört, spannend zu sein.

Deshalb gibt es heute diesen Eintrag.

Nicht als Neustart. Nicht als grosses Projekt. Und auch nicht als Versuch, an die Zeit von damals anzuknüpfen.

Eher als Erinnerung daran, dass manche Geschichten es wert sind, nicht vergessen zu werden.

Und bevor die Frage aufkommt: Ja, der Name dieses Blogs passt inzwischen nur noch bedingt.

Die Reisen führten mich in den letzten Jahren längst nicht mehr nur nach Asien. Trotzdem habe ich beschlossen, den Titel beizubehalten.

Namen ändern sich manchmal weniger schnell als Reisegewohnheiten.

Mal sehen, wohin die Reise führt.

Freitag, 10. Juni 2011

Srinagar - Hausboot auf dem Dal-See


Die Distanz zwischen Pahalgam und Srinagar ist eigentlich nur 92 km. Trotzdem brauchten wir mit dem Maruti Suzuki 3.5 Stunden. In Srinagar wurde ich sehr schnell von einem Shikara (typisches Boot) Fahrer aufgegabelt und zu diversen Hausbooten gebracht. 1500 Rupien für dieses (Fr. 30.-- / € 25), 900 Rupien für jenes (Fr. 18.-- / € 15). Eigentlich werden alle Hausboote mit „Deluxe“ beschrieben, doch gibt es massive Qualitäts- und Preisunterschiede. Und natürlich gibt es die ganz schlauen, die nun „Super-Deluxe“ aufs Aushängeschild schreiben. Gut, schlussendlich fand ich ein Hausboot, mit nur einem Zimmer, mit keinem Schild. Anscheinend hiess das Hausboot Rock Head Paradise, was aber kein anderer Shikara-Fahrer wusste. Um zum Hausboot zurückzukommen musste man sagen, man will zum Black-Man oder „Kalya“, was wohl das gleiche in Urdu bedeutet. Der Besitzer des Bootes, Gulam, kommt aus Südindien und ist eine Spur dunkler als die Kashmiris. Daher Black-Man.

Bezahlen musste ich übrigens 500 Rupien, also Fr. 10.-- bzw. € 8.20.


Habe probiert einen Link aus google-map einzufügen. Wenn es denn klappt, dann könnt ihr hier sehen, wo mein Hausboot gelegen ist.


DELUXE HOUSEBOATS

...UND DIESES WÄRE DANN MEINES

Rückblende:

September 2010, Rantepao, Sulawesi, Indonesien

Wir lernten dort wohl das verrückteste Reisepaar kennen. Nicht verrückt im eigentlichen Sinne, aber verrückt, was die Dauer der Reise anbelangt. Konni und Matt, gebürtige Deutsche, aber mittlerweile Weltbürger, sind seit nun über zehn Jahren unterwegs. Die ersten acht davon auf dem eigenen Segelschiff. Nun, schon damals haben wir viel gequatscht und Konni hatte uns gezeigt, wo man den Tuak, den lokalen Palmwein kaunfen kann.

Nun, es wundert nicht, dass ich genau Konni und Matt hier oben wieder getroffen habe. Zusammen haben wir ein paar gemütliche Stunden auf Ihrer Hausboot-Terrasse verbracht.


Ich bin mir sicher, wir werden die beiden irgendwo auf der Welt wieder sehen, aber bis es soweit ist, werden wir Ihre Reise auf dem hervorragenden Blog http://www.konniandmatt.blogspot.com/ mitverfolgen.


KONNI UND MATT


SHIKARAS WARTEN AUF KUNDSCHAFT - 1h = 100 Rps.


Am Morgen des zweiten Tages habe ich bei meiner Familie auf dem Boot einen Chai (Tee) getrunken. Ein paar Momente später habe ich gesehen, wo die Frau das Geschirr wäscht. Um es direkt zu sagen. Beim Heck scheisse ich rein, beim Bug wäscht sie das Geschirr. Nun weiss ich nicht, ob das medizinisch möglich ist, aber ich bin wohl ab meiner eigenen Scheisse krank geworden. Habe mir nämlich in Srinagar den bisher grössten Durchfall aufgelesen. Glücklicherweise hatte der Durchfall keine Nebenerscheinungen (Fieber, Kotzerei etc.) und war nach zwei Tagen auch schon wieder vergangen.



POLIZEI-SHIKARAS

GESCHÄFTE, DIE NUR MIT DEM BOOT ERREICHBAR SIND

Am fünften Tag bin ich die vier Kilometer durch die spannende Altstadt bis zur Jama Masjid (Zentral-Moschee) gelatscht. Die Jama Masjid kann 33’000 betende Besucher aufnehmen. Kaum war ich drin, nachdem ich 10 Rupien Kameragebühr bezahlt hatte, wurde ich auch schon von einem jungen Mann mit langem Bart angesprochen. Die üblichste Frage zuerst: Woher kommst du? Ich antwortete ihm und er meinte sofort: Ah, dort wo sie den Bau von Minaretten verboten haben! Danke schön Schweizer Volk!


Die nächsten 1.5 Stunden verbrachten wir sitzend in der Moschee und quatschten über Islam, Atheismus, verschleierte Frauen, halb nackte Frauen, westliche Propaganda, Extremismus, Alkoholkonsum und vor allem über sein wichtigstes Anliegen, ein freies Kashmir.


MÜLLMANN IN SRINAGAR


PUNJABI THALI
(Jeera Reis, Chana Masala, Veg. Curry, Dal Makhani, Aloo Mattar, Raita, dazu 1 Papad und 4 Butter Nan - 130 Rps.)

IN DER JAMA MASJID

SAINT-GOBAIN GLASS HOUSE

ZUCKERBÄCKER

INDIA GO BACK!

300 km weiter südlich liegt Jammu. Die Busfaht dauerte 11 Stunden.

Es sind jetzt mittlerweile ein paar Tage vergangen, seit ich in Jammu war, doch mein Urteil hat sich nicht geändert. Jammu ist wohl das grösste "Shithole" der ganzen Reise. Kam dazu, dass alle Läden und Restaurants wegen Besuch eines Politchefs geschlossen wurden. Mehr gibt es zu Jammu nicht zu sagen.


DAS EINZIG INTERESSANTE IN JAMMU, WAR DIESES FILMPLAKAT BEI EINEM HALB ZERFALLENEN KINO