Der Name klingt wenig einladend. Doch hinter Garbage City verbirgt sich einer der ungewöhnlichsten Stadtteile Kairos.
„Wer das Sonnenlicht klar sehen will, muss sich zuerst die Augen reiben.“
— Athanasius von Alexandria (298-373)
Während des Ramadan ist es in Kairo gar nicht so einfach, ein Frühstück zu finden. Internationale Hotels bilden eine Ausnahme, und im koptischen Viertel haben einige Lokale geöffnet. Ansonsten bleibt die Suche meist erfolglos..
An meinem ersten Morgen in der ägyptischen Hauptstadt hatte ich mich mit Abanoub in Manshiyat Naser verabredet.
Ich war deutlich zu früh am vereinbarten Treffpunkt und vertrieb mir die Zeit mit einem Spaziergang durch das Quartier. Dabei entdeckte ich eine kleine koptische Strassenküche. Unter einer Arkade standen zwei Wagen.
An einem Wagen frittierte ein Mann Falafel, am anderen wurde geschnetzelt und gekocht.
Daneben befand sich ein Waschbecken, in dem abwechselnd Tee- und Kaffeegläser ausgespült wurden. Darunter stapelten sich die bereits benutzten Teller des Morgens.
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| koptische Strassenküche |
Die Hygienestandards hätten eine Schweizer Lebensmittelinspektion vermutlich nicht restlos überzeugt.
Eine Speisekarte gab es nicht. Ich fragte vorsichtshalber, ob das Frühstück fleischlos sei. Der Mann nickte. Ich bestellte, ohne genau zu wissen, was ich wenig später erhalten würde, und setzte mich auf eine Bank zwischen die anderen Gäste.
Kurz darauf standen Fuul Mudammas, knusprige Taameya – die ägyptische Variante der Falafel vor mir. Beim Aufbrechen leuchteten sie innen fast giftgrün. Ausserdem scharf eingelegte Auberginen, ein Salat aus Tomaten und Zwiebeln, Limetten und – warum auch immer – eine Portion Pommes.
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| Fuul-Frühstück mit Taameya |
Mitten im Frühstück erschien Abanoub, mein Guide für die nächsten paar Stunden. Obwohl wir uns noch nie begegnet waren, steuerte er direkt auf mich zu. Er blieb kurz stehen, schaute mich an und begann zu lachen. Offenbar fand er es amüsant, mich zwischen den Einheimischen von Hand Fuul Mudammas essen zu sehen.
Gemeinsam machten wir uns anschliessend auf den Weg durch Manshiyat Naser, besser bekannt als Garbage City, die Müllstadt. Der Name klingt wenig einladend. Tatsächlich verbirgt sich dahinter jedoch eines der effizientesten Recyclingsysteme der Welt.
In Manshiyat Naser leben rund 200'000 Menschen. Viele von ihnen gehören zu den Zabbaleen, den traditionellen Müllsammlern Kairos. Jeden Tag werden hier rund 14'000 Tonnen Abfall verarbeitet. Schätzungen zufolge werden etwa 85 Prozent davon recycelt – eine Quote, von der viele europäische Städte nur träumen können. Die meisten Zabbaleen gehören der koptischen Kirche an. Deshalb fand ich hier selbst während des Ramadan eine geöffnete Strassenküche.
Die Gebäude in der Müllstadt folgen oft einem ähnlichen Muster. In den unteren Stockwerken wird sortiert und verarbeitet. Darüber wohnen die Familien. Auf den Dächern werden Hühner, Ziegen und Schweine gehalten.
In Manshiyat Naser leben rund 200'000 Menschen. Viele von ihnen gehören zu den Zabbaleen, den traditionellen Müllsammlern Kairos. Jeden Tag werden hier rund 14'000 Tonnen Abfall verarbeitet. Schätzungen zufolge werden etwa 85 Prozent davon recycelt – eine Quote, von der viele europäische Städte nur träumen können. Die meisten Zabbaleen gehören der koptischen Kirche an. Deshalb fand ich hier selbst während des Ramadan eine geöffnete Strassenküche.
Die Gebäude in der Müllstadt folgen oft einem ähnlichen Muster. In den unteren Stockwerken wird sortiert und verarbeitet. Darüber wohnen die Familien. Auf den Dächern werden Hühner, Ziegen und Schweine gehalten.
| Schweine in der Garbage City |
Dass hier Schweine gehalten werden, hat einen historischen Grund. Da das Schwein im Islam als unrein gilt, wurde Schweinezucht in Ägypten traditionell nur von den koptischen Christen betrieben. Der organische Müll diente als Futter für die Tiere. So entwickelte sich das Recyclingsystem der Garbage City.
Oberhalb der Garbage City liegt das Felsenkloster des Heiligen Simon.
Oberhalb der Garbage City liegt das Felsenkloster des Heiligen Simon.
Zum Felsenkloster gehören mehrere Kirchen. Wir begannen unseren Rundgang in der Sankt-Markus-Kirche. Von aussen deutet wenig darauf hin, dass sich hinter dem Eingang ein grosser Höhlenraum verbirgt. Im Inneren spannt sich die natürliche Felsdecke über den Gottesdienstraum. Die Wände sind mit in den Fels gehauenen Reliefs geschmückt, die Szenen aus der Bibel erzählen.
| Höhlenkirche St-Markus im Mokattam-Berg |
Anschliessend führte Abanoub mich zur Felsenkirche des heiligen Simon. Das riesige Mosaik über dem Eingang zieht den Blick sofort auf sich. Es erzählt die Geschichte, der die Kirche ihren Namen verdankt.
| Das Eingangsportal zur St-Simon |
Erst nachdem wir das Portal durchquert hatten, öffnete sich dahinter völlig unerwartet ein riesiges Amphitheater. Mehr als 20'000 Gläubige finden darin Platz. Spätestens in diesem Moment wurde mir klar, dass ich mir unter einem Felsenkloster etwas völlig anderes vorgestellt hatte.
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| Das Amphitheater von St.Simon mit über 20'000 Sitzplätzen |
Benannt ist die Anlage nach Simon dem Gerber, einer zentralen Figur der koptischen Tradition. Der Legende nach forderte ein Kalif die Christen auf, den biblischen Satz vom Glauben, der Berge versetzen kann, unter Beweis zu stellen. Nach dem Gebet soll sich der Mokattam-Berg tatsächlich bewegt haben. Das Mosaik über dem Eingang erinnert an diese Geschichte.
| Szene der Auferstehungsgeschichte in der Felsenkirche St. Simon |
Der Mokattam-Berg blieb an diesem Tag jedenfalls an seinem Platz. Das Felsenkloster braucht aber auch keine Wunder, um zu beeindrucken.
Von einem Aussichtspunkt oberhalb der Garbage City lässt sich das berühmte Mural Perception des französisch-tunesischen Street-Art-Künstlers eL Seed erkennen. Das Kunstwerk erstreckt sich über mehr als fünfzig Gebäude und wird nur von genau diesem Standpunkt aus als Ganzes sichtbar. Es greift das obige Zitat des heiligen Athanasius von Alexandria auf.
| Aussichtspunkt über Manshyat Nasser und "Perception" von eL Seed |
Die Farben waren inzwischen stark verblasst. Beeindruckt hat mich weniger das Mural selbst als die Idee, ausgerechnet dieses Quartier als Leinwand zu nutzen.
| In den Strassen der Garbage City |
Auf den Dächern der Garbage City ragen zahlreiche Taubentürme empor.
Solche Türme wurden ursprünglich gebaut, damit Tauben dort nisten konnten. Ihr Kot wurde gesammelt und als wertvoller Dünger verwendet. Heute werden viele der Türme vor allem für die Taubenzucht genutzt.
Die Besitzer werden oft als Ghawy Hamam bezeichnet. Taubenzüchter trifft es nur teilweise. Taubenliebhaber oder vielleicht sogar Taubennarren beschreibt die Sache besser.
| Den Taubenturm, den ich besteigen durfte |
Wenig später standen wir auf dem Dach eines Hauses, am Fuss eines Taubenturms.
Von unten wirkte er bereits beeindruckend.
Unter mir erstreckte sich die Garbage City. Um mich herum flatterten einige Tauben.
Mir wurde erklärt, dass sich die Besitzer der Türme einen ganz eigenen Wettkampf liefern. Die Schwärme werden gezielt in die Luft geschickt und mit denen benachbarter Türme vermischt.
Von unten wirkte er bereits beeindruckend.
Der Aufstieg begann. Zunächst führte eine breite Treppe ins erste Geschoss. Über schmale Holztreppen und Plattformen ging es anschliessend Etage um Etage nach oben. Mit jeder Ebene wurde die Aussicht besser. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie hoch der Turm eigentlich war.
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| Auf dem Taubenturm mit dem Mokattam-Berg im Hintergrund |
Ich schätzte seine Höhe auf gut dreissig Meter. Von oben wirkte er noch höher.
Schliesslich erreichten wir über eine Leiter die oberste Plattform.Unter mir erstreckte sich die Garbage City. Um mich herum flatterten einige Tauben.
Mir wurde erklärt, dass sich die Besitzer der Türme einen ganz eigenen Wettkampf liefern. Die Schwärme werden gezielt in die Luft geschickt und mit denen benachbarter Türme vermischt.
Mit Pfiffen versuchen sie anschliessend, möglichst viele Tauben wieder auf den eigenen Turm zu locken.
Wer eine fremde Taube auf sein Dach lockt und sie einfängt, dem gehört sie.
Durch einen Fangmechanismus aus Seilen und Rollen lassen sich bestimmte Öffnungen schliessen, sobald eine Taube im Innern gelandet ist. Diesen Mechanismus durfte ich sogar selbst ausprobieren.
Eine Taube fing ich dabei allerdings nicht. Zum Ghawy Hamam fehlt mir wohl noch etwas die Übung.
Und plötzlich drückte mir jemand eine Taube in die Hand.
Wenig später liess ich die Taube wieder fliegen. Mein Blick folgte ihr über die Dächer, Gassen und unzähligen Müllsäcke der Garbage City.
„Wer das Sonnenlicht klar sehen will, muss sich zuerst die Augen reiben.“
Als ich Garbage City verliess, verstand ich dieses Zitat besser als noch am Morgen.
| Aussicht vom Taubenturm mit der Zitadelle von Saladin weit hinten |
🇪🇬 Ägypten nachgekocht: Fuul Mudammas
Zutaten (für 2 Personen)
🫘 1 Dose dicke Bohnen (Fava- oder Ackerbohnen)
🧄 2 Knoblauchzehen
🍋 Saft einer halben Zitrone
🫒 2 EL Olivenöl
🌿 1 TL Kreuzkümmel
🧂 Salz
⚫ Pfeffer
🌿 Petersilie
🍅 Nach Belieben Tomaten, Frühlingszwiebeln oder ein gekochtes Ei
Zubereitung
Die Bohnen mitsamt etwas Flüssigkeit langsam erwärmen und mit einer Gabel leicht zerdrücken. Knoblauch, Zitronensaft, Kreuzkümmel und Olivenöl dazugeben und gut vermengen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.
Zum Schluss mit gehackter Petersilie bestreuen und nach Belieben mit Tomaten, Frühlingszwiebeln oder einem gekochten Ei servieren.
Traditionell wird Fuul Madamas mit frischem Fladenbrot gegessen.
🛠️ Praktische Informationen
🧭 Guide für Garbage City und den TaubenturmAbanoub Melad
https://www.freetour.com/de/cairo/discovering-the-secrets-of-garbage-city
Preis: 35 Euro p.P (Stand 2026)
Dauer: ca.2 Stunden
Sprache: Englisch
🏨 Grand Talat Harb Plaza, ab $25 pro Nacht
Sehr einfaches Hotel mit 24h-Rezeption
500 Meter zum Tahrir-Platz und zum Ägyptischen Museum
Diese Reise fand im März 2025 statt. Die Informationen entsprechen dem damaligen Stand.




Merci pour cette intéressante visite dans ce quartier poubelle.
AntwortenLöschenLa cuisine de rue, Oli adore même avec les risques d'hygiène ou de voir apparaître un scarabée dans son assiette 😉