Tage im Delta
(Juli 2022)
Als ich in Brăila aus dem Bus stieg, hatte ich bereits rund sechs Stunden Fahrt hinter mir. Nun standen nochmals zweieinhalb Stunden bis Tulcea bevor.
Kurz hinter dem nördlichen Stadtrand von Brăila erreichten wir die Donau.
Dort wartete eine Fähre.
Ich mochte diese Überfahrt sofort. Während Autos, Lastwagen und Passagiere auf das Schiff rollten, floss einer der grossen Ströme Europas gemächlich vorbei.
Später erfuhr ich, dass die Fähre bald Geschichte sein würde. Seit 2023 verbindet eine gewaltige Hängebrücke die beiden Ufer.
Damals gehörte die Fähre noch ganz selbstverständlich zur Reise ins Donaudelta.
Tulcea gilt als Tor zum Donaudelta. Von hier starten die meisten Ausflüge in das weit verzweigte Netz aus Kanälen, Seen und Wasserwegen.
Auch ich blieb zunächst in der Stadt und machte eine Bootstour durch das Delta.
Sechs Stunden lang waren wir auf dem Wasser unterwegs. Die Route führte über den Sulina-Kanal und durch die weit verzweigte Seenlandschaft bis nach Mila 23.
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| Mila 23 - Der 23 Meilenmarker ab der Donaumündung |
Das Donaudelta gehört zu den grössten und artenreichsten Feuchtgebieten Europas. Schon nach kurzer Zeit verlor ich den Überblick über die vielen Vogelarten.
Besonders beeindruckend waren die Pelikane. Immer wieder zogen Gruppen von Rosapelikanen und Dalmatinischen Pelikanen über die Seen. Manche trieben auf dem Wasser, andere flogen in niedriger Höhe über die Seenlandschaft.
Daneben sah ich Schwarzstörche, Seeadler, Fasane und zahlreiche weitere Vogelarten. Sogar ein Schakal zeigte sich kurz am Ufer. In einem Seitenarm entdeckten wir zudem eine Wassernatter, die zwischen den Schilfstängeln verschwand.
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| Goldschakal |
Die Landschaft wirkte stellenweise fast unwirklich. Endlose Schilffelder, stille Seen und schmale Wasserwege wechselten sich ständig ab. Immer wieder öffneten sich weite Wasserflächen, bevor das Boot erneut in einen schmalen Kanal einbog.
Bei über 30 Grad brannte die Sonne erbarmungslos auf das Deck, aber die sechs Stunden auf dem Wasser klingen länger, als sie sich anfühlten.
Mila 23 erhielt seinen Namen vom einstigen 23-Meilen-Marker ab der Donaumündung. Heute stimmt die Distanz zwar nicht mehr ganz, geblieben ist jedoch einer der bekanntesten Orte des Deltas.
Nach diesem Tag verstand ich, weshalb das Donaudelta als eines der grossen Naturwunder Europas gilt.
Eigentlich wollte ich noch am selben Abend weiter nach Sfântu Gheorghe fahren.
Das letzte Boot hatte ich allerdings verpasst.
Mein Gepäck lag noch im Hotel in Tulcea. Nachdem ich es abgeholt hatte, marschierte ich in der Nachmittagshitze zur Conex-Busstation, um wenigstens noch den Bus nach Murighiol zu erwischen.
Wie sich später herausstellte, hätte ich mir diesen Fussmarsch sparen können. Der Bus fuhr direkt an meinem Hotel vorbei.
Dafür hatte ich immerhin einen Sitzplatz.
Murighiol war nicht mein Ziel gewesen. Es war lediglich die beste verfügbare Alternative.
Mein Hotel lag direkt am Lacul Murighiol. Die Anlage war erstaunlich gross. Auf meine Frage, wo die ganzen Gäste seien, erklärte man mir, dass unter der Woche kaum jemand komme. Die Einwohner von Tulcea würden vor allem an den Wochenenden hierherfahren.
Dafür waren die Frösche da.
Und zwar in einer Lautstärke, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte.
Später kamen noch die Zikaden dazu.
Am nächsten Morgen machte ich mich zu Fuss auf den Weg nach Mahmudia.
Dort wartete das Schnellboot nach Sfântu Gheorghe.
Die meisten Passagiere schienen Einheimische zu sein. Viele kannten sich offenbar. Während wir auf die Abfahrt warteten, dröhnte Technomusik aus den Lautsprechern.
Wenig später rasten wir mit dem Schnellboot durch den St.-George-Kanal Richtung Sfântu Gheorghe.
Die Motoren waren laut. Die Musikanlage wurde dafür auf noch lauter gestellt.
Dann tauchte Sfântu Gheorghe auf.
Der Ort liegt dort, wo die Donau ihre Reise beendet.
Fast 3000 Kilometer zuvor entspringt sie im Schwarzwald. Danach durchquert oder berührt sie zehn Länder, passiert Grossstädte, Burgen, Industriegebiete und Naturlandschaften.
Hier endet alles.
Wer nach Sfântu Gheorghe will, kommt mit dem Boot.
Das Dorf selbst wirkte erstaunlich ruhig.
Viele Häuser standen auf grossen Grundstücken entlang der sandigen Strassen. Besonders gefallen haben mir die verzierten Giebel und geschnitzten Holzelemente, die man an vielen Gebäuden entdecken konnte.
Sie erinnern an die Lipowaner, Nachfahren russischer Altgläubiger, die sich vor Jahrhunderten im Donaudelta niederliessen. Durch die lange Isolation ihrer Dörfer konnten sie viele ihrer Traditionen bewahren. Ihre Spuren sind bis heute sichtbar und verleihen dem Ort einen ganz eigenen Charakter.
Asphaltierte Strassen gibt es keine. Die Wege im Dorf bestehen aus Sand. Autos sieht man nur wenige. Stattdessen bestimmen Fahrräder, Boote und Fussgänger das Bild.
Genau solche Orte ziehen mich immer wieder an.
Schon nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, weit weg von allem zu sein.
Nicht nur von Bukarest oder den Städten Rumäniens.
Sondern von Europa überhaupt.
Es gibt keinen Durchgangsverkehr. Der Ort liegt nicht auf dem Weg, er ist das Ziel.
Hier landet niemand zufällig.
Vielleicht hat mir der Ort gerade deshalb so gut gefallen.
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| Eine der Hauptstrassen durch Sfantu Gheorghe |
Vom Dorf führte ein etwa halbstündiger Fussweg zum Strand.
Unterwegs stand eine improvisierte Kaffeebar neben einem Gartentor. Der Betreiber stammte irgendwo aus dem Westen Rumäniens, nahe der ungarischen Grenze. Den Sommer verbrachte er hier in seinem Ferienhaus und verdiente sich mit Kaffee etwas dazu.
Am Strand angekommen hatte man die Wahl.
Wer Gesellschaft suchte, blieb in einer der beiden Strandbars.
Wer Ruhe wollte, ging ein paar Hundert Meter weiter.
Geht man nach links, teilt man den Strand nur noch mit einigen Kühen und Wasservögeln. Dieser Strand erstreckt sich von Sfântu Gheorghe bis Sulina über rund vierzig Kilometer. Hotels, Strandpromenaden oder Ferienanlagen sucht man hier vergeblich. Es gibt nur Sand, Meer und Wind.
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| Kühe am 40km langen Strand nach Sulina |
Geht man in die andere Richtung, gelangt man zur Mündung der Donau.
Sandbänke ragen weit hinaus ins Wasser. Der Fluss vermischt sich mit dem Schwarzen Meer.
Man kann kaum sagen, wo die Donau aufhört und das Meer beginnt. Es ist kein Ort, der mit grossen Attraktionen beeindrucken will.
Vielleicht hatte ich gerade deshalb nicht erwartet, dass er mich so berühren würde.
Vielleicht war es auch die Erkenntnis, dass manche Orte jahrelang nur eine Idee auf einer Landkarte sind – bis man eines Tages tatsächlich dort steht.
Den Ort das Ende der Welt zu nennen, wäre wohl etwas übertrieben.
Das Ende Europas fühlte sich hingegen erstaunlich plausibel an.
Hier endet nicht nur die Donau.
Hier enden auch die Eile und das Gefühl, noch irgendwo hin zu müssen.
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| Hier endet die Reise der Donau |













