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Verlorene Wunder

Eine Stadt voller Geschichte, verschwundener Schätze und kleiner Überraschungen. Ich wollte Alexandria kennenlernen und fand dabei mehr als die Überreste ihrer grossen Vergangenheit.


„Du wirst keine neuen Länder finden, keine anderen Meere.
Die Stadt wird dir folgen.“

— Konstantinos Kavafis

Alexandria war einst die Heimat eines der Sieben Weltwunder der Antike: des Leuchtturms von Pharos. Berühmt war die Stadt ausserdem für ihre legendäre Bibliothek. Heute existiert keines der beiden Bauwerke mehr.

Vom Leuchtturm weiss man zumindest, wo er einst stand. Seine Überreste liegen vor dem Fort Qaitbay auf dem Meeresgrund. Bei der berühmten Bibliothek ist selbst ihr Ende bis heute nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich verschwand sie nicht bei einem einzelnen verheerenden Brand, sondern ging über Jahrhunderte hinweg langsam verloren.

Auch das königliche Palastviertel der Ptolemäer, in dem vielleicht sogar Kleopatra einst lebte, versank teilweise im Meer. Und irgendwo unter den Strassen der heutigen Millionenstadt wird bis heute das Grab Alexanders des Grossen vermutet.

Geblieben ist vor allem Alexandria selbst.

Mein Hotel lag direkt an der Corniche. Für rund 15 Dollar pro Nacht bekam ich ein einfaches Zimmer mit einer Aussicht, für die man anderswo ein Vielfaches bezahlt hätte.
Blick vom Hotelzimmer über die Corniche und das Mittelmeer
Vom Balkon blickte ich direkt auf das Mittelmeer.
Dem Balkongeländer vertraute ich allerdings etwas weniger. Fünf Stockwerke über der Corniche wirkte es nicht unbedingt so, als würde es regelmässig von einem Statiker überprüft.

Der Lift funktionierte tadellos. Das Bedienfeld schien hingegen nach einem etwas flexibleren Qualitätsstandard montiert worden zu sein. Als hätte seit Alexander dem Grossen niemand mehr Hand daran angelegt.
Das Bedienfeld des Hotellifts
Zum Frühstück gab es Fladenbrot, Foul, ein gekochtes Ei, Tomaten, etwas Marmelade und Kaffee auf der Dachterrasse. Das Foul war zwar deutlich weniger überzeugend als jenes in Kairo. Die Konsistenz erinnerte eher an Spachtelmasse als an ein Frühstück. Die Aussicht machte diesen Mangel jedoch mehr als wett.

Unten rauschte der Verkehr auf der Corniche vorbei, dahinter glitzerte das Mittelmeer.

Alexandria unterscheidet sich deutlich von Kairo. Hier bestimmt das Mittelmeer den Rhythmus der Stadt. Die lange Corniche, die Seeluft und die zahlreichen Fisch- und Seafoodrestaurants verleihen Alexandria einen ganz eigenen Charakter.

Die Stanley Bridge war mein erstes Ziel in Alexandria. Dorthin fuhr ich mit dem Ramleh-Tram, das den Osten der Stadt erschliesst.
Die Al-Ramlah-Linie - Wer braucht schon einen Sitzplatz?
Die elegante Brücke gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen Alexandrias. Von hier blickt man auf die Corniche, das Mittelmeer und den Stanley Beach direkt unterhalb der Brücke.
Stanley Bridge mit Stanley Beach
Mit ihren Türmen und ihrem englischen Namen führte sie mich zunächst auf die falsche Fährte. Ich hielt sie für ein Bauwerk aus der britischen Kolonialzeit. Erst später erfuhr ich, dass sie überraschend neu ist. Sie wurde erst 2001 eröffnet. Die markanten, dreistöckigen Badekabinen darunter stammen dagegen tatsächlich noch aus den 1930er Jahren und blieben beim Bau der Brücke erhalten.
Auf der Stanley Bridge
Der Stanley Beach war geöffnet. Liegestühle und Rettungsschwimmer warteten auf Badegäste. Die erschienen allerdings nicht. Der Ramadan hatte die Stadt fest im Griff.

Die Badehose hatte ich vorsorglich eingepackt. Am Ende verzichtete ich jedoch aufs Baden. Irgendwo musste das Abwasser einer Millionenstadt schliesslich hinfliessen, und ich war mir nicht ganz sicher, ob ich gerade davorstand.

Zu Fuss machte ich mich auf den Rückweg zum Bahnhof. Unterwegs legte ich noch einen kurzen Abstecher zur Bibliotheca Alexandrina ein. Mit ihrem runden Bau und dem schräg ansteigenden Dach soll sie an eine aus dem Meer aufsteigende Sonnenscheibe erinnern und an die berühmte Bibliothek der Antike anknüpfen.

Drinnen gab es vor allem Bücher.
Die Bibliotheca Alexandrina
Am Bahnhof angekommen wollte ich eigentlich nur einmal mit einem Tram durch Alexandria fahren. Daraus wurde am Ende ein ganzer Nachmittag.

Seit mehr als 160 Jahren gehören die Trams zum Stadtbild Alexandrias.

Als ich an der Haltestelle stand, hatte ich allerdings meine Zweifel, ob das noch immer so war.

Die Tramhaltestelle befand sich zwischen Marktständen und Kleiderläden. Schaufensterpuppen standen direkt neben den Gleisen, als würden sie gemeinsam mit mir auf das nächste Tram warten. Teilweise waren die Schienen von Unkraut überwachsen, an anderen Stellen lag Müll zwischen den Gleisen. Kleiderständer, Verkaufskarren und Auslagen blockierten die Strecke zusätzlich. Auch Esel gehörten ganz selbstverständlich zum Strassenbild.
An Eseln komme ich einfach nicht vorbei
Mehrmals fragte ich nach, ob hier tatsächlich noch ein Tram verkehre. Die Antwort war jedes Mal dieselbe.

Natürlich.

Ich glaubte es trotzdem nicht.

Fast eine Stunde verging.

Die Wartezeit nutzte ich, um über den Markt zu schlendern. Zwei junge Männer an einem Knoblauchstand versicherten mir mehrfach, dass hier tatsächlich noch ein Tram fahren würde. Ihre Zuversicht stand in einem bemerkenswerten Gegensatz zu den überwachsenen Gleisen vor uns. Wenig später posierten sie lachend für ein Foto.
Die Knoblauchhändler wussten Bescheid
Ein Metzger präsentierte mir derweil stolz einen Kuhkopf und wollte ebenfalls fotografiert werden.
Der Metzger war stolz auf seinen Kuhkopf
Dann begannen die Händler plötzlich, ihre Waren beiseitezuräumen. Kleiderständer wurden verschoben, Verkaufskarren von den Schienen gezogen. Selbst die Schaufensterpuppen rückten ein Stück zur Seite.
Bahnhof Alexandria - Wo Tram und Markt aufeinandertreffen
Kurz darauf schob sich tatsächlich ein altes Tram im Schritttempo durch den Markt. Die Fahrgäste stiegen ein und aus, und wenige Sekunden später standen die Kleiderständer wieder dort, wo kurz zuvor noch das Tram gefahren war.
Mode direkt am Gleis
Für die Menschen vor Ort war das Alltag.

Nach fast einer Stunde Wartezeit war es mir völlig egal, wohin das Tram fuhr. Hauptsache, es fuhr überhaupt.

Ich stieg ein.

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich in den Trams der Stadt. Die meiste Zeit war ich im Al-Madina-Netz unterwegs, dem innerstädtischen Tramnetz im Westen Alexandrias.
Altes Tram im Al-Madina-Netz
Ich fuhr kreuz und quer durch Alexandria, wechselte Linien und stieg immer wieder aus und wieder ein. Meist wusste ich nicht genau, wohin das nächste Tram fuhr. Das spielte irgendwann keine Rolle mehr. Ich stieg trotzdem ein und fuhr einfach mit.
Unterwegs mit dem Tram in Alexandria
Einem Schaffner gab ich ein kleines Trinkgeld. Dafür durfte ich unterwegs kurz abspringen, mein Foto machen und wieder aufspringen. Und zwar nicht an einer Haltestelle, sondern während der Fahrt. Zum Glück fuhr das Tram auf diesem Abschnitt kaum schneller als ein Fussgänger.

Der Schaffner und der Fahrer freuten sich über meine Freude.

Im Laufe des Nachmittags verlor ich völlig den Überblick darüber, welche Linien ich bereits benutzt hatte und welche nicht.

Das war mir egal, ich fuhr einfach weiter Tram.
Erst am späten Nachmittag landete ich schliesslich irgendwo bei der St.-Catherine-Kathedrale und machte mich langsam wieder auf den Rückweg zur Corniche.

Unterwegs winkten mir immer wieder Menschen zu, lächelten mich an oder streckten mir den Daumen entgegen. Kleine Begegnungen, die mir auf dem heutigen Spaziergang immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zauberten.
Ob ich an diesem Tag die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Alexandrias gesehen habe, weiss ich nicht.

Aber ich habe die Herzlichkeit der Alexandriner erlebt und gelernt, dass man einem Knoblauchhändler glauben sollte.

In allio veritas.

Am Abend ging ich noch in den traditionsreichen Club Nautique Hellénique d'Alexandrie. Auch E. M. Forster kehrte hier einst ein – jener Schriftsteller von A Room with a View, der Kavafis bewunderte und ihn weit über Alexandria hinaus bekannt machte.

Im Restaurant White & Blue bestellte ich gegrillte Calamari, Fischfilets mit Knoblauchsauce und Zitronenhälften, die sorgfältig in Mulltuch eingepackt waren, damit keine Kerne auf dem Teller landeten.

Ich blickte von meinem Tisch noch einmal auf die Corniche.
Die Corniche am letzten Abend in Alexandria
Ein Stück Alexandria wird mit mir nach Hause fahren

Nachtrag 2026
Als ich letztes Jahr in Alexandria war, wusste ich noch nicht, dass ich einen Teil des historischen Tramnetzes in seinen letzten Monaten erlebt hatte.

Die Ramleh-Linie, mit der ich zur Stanley Bridge fuhr, wurde Anfang April 2026 vollständig eingestellt. An ihrer Stelle entsteht ein modernes Light-Rail-System, das die alte Tramstrecke grundlegend ersetzen und teilweise auf einem Viadukt verlaufen wird.

Das Al-Madina-Netz, in dem ich damals einen ganzen Nachmittag kreuz und quer durch die Stadt fuhr, blieb dagegen erhalten.


🛠️ Praktische Informationen

🏨 Semiramis Hotel ab €15 pro Nacht
Zimmer mit Meerblick direkt an der Corniche
inklusive Frühstück auf der Dachterrasse

🍽️ White and Blue Restaurant im Club Nautique Hellenique d'Alexandrie
Ελληνικός Ναυτικός Όμιλος Αλεξανδρείας
Mediterrane Küche mit Blick auf die Corniche

🧳 Anreise Bus vs Zug - Preis und Komfort stehen im umgekehrten Verhältnis

🚂 Zug
Dauer ca. 3 ¼ Stunden
Kosten ca. $35 für ausländische Fahrgäste
klimatisiert, verstellbare Sitze, Vorhänge und sogar Jalousien zwischen den Scheiben

🚌 Bus
Dauer ca. 3 Stunden
Kosten ca. $3 (Nationalität egal)
Vorhänge und spürbare Klimaanlage auf den vordersten Sitzen

Diese Reise fand im März 2025 statt. Die Informationen entsprechen dem damaligen Stand.


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