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Tage im Delta


Donaudelta 2022 - Wer nach Sfântu Gheorghe will, kommt nur mit dem Boot. Hier, wo die Donau nach fast 3000 Kilometern ins Schwarze Meer mündet, gibt es keinen Durchgangsverkehr und keine asphaltierten Strassen. Ein wunderbar isolierter Ort, der mich tief berührt hat und an dem man das Gefühl hat, ganz weit weg von Europa zu sein.

TAGE IM DELTA

Von Transsilvanien bis ins Donaudelta ist es ein weiter Weg.
Als ich in Brăila aus dem Bus stieg, hatte ich bereits rund sechs Stunden Fahrt hinter mir. Nun standen nochmals zweieinhalb Stunden bis Tulcea bevor.

Kurz hinter dem nördlichen Stadtrand von Brăila erreichten wir die Donau.

Dort wartete eine Fähre.

Ich mochte diese Überfahrt sofort. Während Autos, unser Bus und Lastwagen auf das Schiff rollten, floss einer der grossen Ströme Europas gemächlich vorbei.

Später erfuhr ich, dass die Fähre bald Geschichte sein würde. Seit 2023 verbindet eine gewaltige Hängebrücke die beiden Ufer.

Damals gehörte die Fähre noch ganz selbstverständlich zur Reise ins Donaudelta.

ehemalige Fähre über die Donau gleich hinter Braila
Die Donaufähre bei Braila im Juli 2022.
Nur ein Jahrspäter wurde sie durch eine der
grössten Hängebrücken Europas ersetzt.

Tulcea gilt als Tor zum Donaudelta. Von hier starten die meisten Ausflüge in das weit verzweigte Netz aus Kanälen, Seen und Wasserwegen.

Auch ich blieb zunächst in der Stadt und machte eine Bootstour durch das Delta.

Sechs Stunden lang waren wir auf dem Wasser unterwegs. Die Route führte über den Sulina-Kanal und durch die weit verzweigte Seenlandschaft bis nach Mila 23.

Mila 23, das lipowanische Dorf im Donaudelta, 23 Meilen von der Donaumündung entfernt
Mila 23 - Der 23 Meilenmarker ab der Donaumündung

Die orthodoxe Kirche in Mila 23
Orthodoxe Kirche der russischen Altgläubigen in Mila23

Bootstour durch das Donaudelta in Rumänien

Bootstour durch das Donaudelta in Rumänien

Bootstour durch das Donaudelta in Rumänien

Das Donaudelta gehört zu den grössten und artenreichsten Feuchtgebieten Europas. Schon nach kurzer Zeit verlor ich den Überblick über die vielen Vogelarten.

Besonders beeindruckend waren die Pelikane. Immer wieder zogen Gruppen von Rosapelikanen und Dalmatinischen Pelikanen über unserem Boot vorbei. Manche trieben auf dem Wasser, andere flogen in niedriger Höhe über die Seenlandschaft.

Daneben sah ich Schwarzstörche, Seeadler, Fasane und zahlreiche weitere Vogelarten. Sogar ein Schakal zeigte sich kurz am Ufer. In einem Seitenarm entdeckten wir zudem eine Wassernatter, die zwischen den Schilfstängeln verschwand.

Pelikane gleiten über das Wasser im Donaudelta

Goldschakal
Pelikane kreisen über dem Donaudelta

Die Landschaft wirkte stellenweise fast unwirklich. Endlose Schilffelder, stille Seen und schmale Wasserwege wechselten sich ständig ab. Immer wieder öffneten sich weite Wasserflächen, bevor das Boot erneut in einen schmalen Kanal einbog.

Bei über 30 Grad brannte die Sonne erbarmungslos auf das Deck, aber die sechs Stunden auf dem Wasser klingen länger, als sie sich anfühlten.

Mila 23 erhielt seinen Namen vom einstigen 23-Meilen-Marker ab der Donaumündung. Heute stimmt die Distanz zwar nicht mehr ganz, geblieben ist jedoch einer der bekanntesten Orte des Deltas.  Dort machten wir Mittagspause.

Gegessen wurde nicht in einem Restaurant, sondern bei einer Familie im Dorf.

Zur Vorspeise gab es eine Störsuppe, danach Welsfilet.

Am späten Nachmittag kehrten wir nach Tulcea zurück.

Eigentlich wollte ich noch am selben Abend weiter nach Sfântu Gheorghe fahren.

Das letzte Boot hatte ich allerdings verpasst.

Mein Gepäck lag noch im Hotel in Tulcea. Nachdem ich es abgeholt hatte, eilte ich zur Conex-Busstation, um wenigstens noch den Bus nach Murighiol zu erwischen.

Wie sich später herausstellte, hätte ich mir diesen Fussmarsch sparen können. Der Bus fuhr direkt an meinem Hotel vorbei.

Aber immerhin hatte ich mir dadurch einen Sitzplatz gesichert.

Murighiol war nicht mein Ziel gewesen. Es war lediglich die beste verfügbare Alternative. Immerhin brachte mich der Umweg ein Stück näher an mein eigentliches Ziel. Murighiol liegt bereits deutlich tiefer im Donaudelta als Tulcea.

Mein Hotel lag direkt am Lacul Murighiol. Die Anlage war erstaunlich gross. Auf meine Frage, wo die ganzen Gäste seien, erklärte man mir, dass unter der Woche kaum jemand komme. Die Einwohner von Tulcea würden vor allem an den Wochenenden hierherfahren.

Dafür waren die Frösche da.

Und zwar in einer Lautstärke, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte.

Später kamen noch die Zikaden dazu.

Am nächsten Morgen machte ich mich zu Fuss auf den Weg nach Mahmudia.

Dort wartete das Schnellboot nach Sfântu Gheorghe.

Die meisten Passagiere schienen Einheimische zu sein. Viele kannten sich offenbar. Während wir auf die Abfahrt warteten, dröhnte Technomusik aus den Lautsprechern.

Wenig später rasten wir mit dem Schnellboot durch den Saint-George-Kanal Richtung Sfântu Gheorghe.

Die Motoren waren laut. Die Musikanlage wurde dafür auf noch lauter gestellt.

Dann tauchte Sfântu Gheorghe auf.

Ankunft in Sfantu Gheorghe, Endstation im Donaudelta

Anlege Jetty in Sfantu Gheorghe, Endstation der Donau

Der Ort liegt dort, wo die Donau ihre Reise beendet.

Fast 3000 Kilometer zuvor entspringt sie im Schwarzwald. Danach durchquert oder berührt sie zehn Länder, passiert Grossstädte, Burgen, Industriegebiete und Naturlandschaften.

Hier endet alles.

Wer nach Sfântu Gheorghe will, kommt mit dem Boot.

Nach der lauten Fahrt im Schnellboot wirkte Sfântu Gheorghe fast unwirklich ruhig.

Viele Häuser standen auf grossen Grundstücken entlang der sandigen Strassen. Besonders gefallen haben mir die verzierten Giebel und geschnitzten Holzelemente, die man an vielen Gebäuden entdecken konnte.

Viele dieser Häuser erinnern an die Lipowaner, Nachfahren russischer Altgläubiger, die sich vor Jahrhunderten im Donaudelta niederliessen. Durch die lange Isolation ihrer Dörfer konnten sie viele ihrer Traditionen bewahren. Ihre Spuren sind bis heute sichtbar und verleihen dem Ort einen ganz eigenen Charakter.

lipowanische Giebel in Sfantu Gheorghe, Rumänien, Donaumündung, Donaudelta


Asphaltierte Strassen gibt es keine. Die Wege im Dorf bestehen aus Sand. Autos sieht man nur wenige. Stattdessen bestimmen Fahrräder, Boote und Fussgänger das Bild.

Genau solche Orte ziehen mich immer wieder an.

Schon nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, weit weg von allem zu sein.

Nicht nur von Bukarest oder den Städten Rumäniens.

Sondern von Europa überhaupt.

Es gibt keinen Durchgangsverkehr. Der Ort liegt nicht auf dem Weg, er ist das Ziel.

Hier landet niemand zufällig.

Vielleicht hat mir der Ort gerade deshalb so gut gefallen.

staubige Hauptstrasse durch Sfantu Gheorghe im Donaudelta Rumänien
Eine der Hauptstrassen durch Sfantu Gheorghe

Vom Dorf führte ein etwa halbstündiger Fussweg zum Strand.

Unterwegs stand eine improvisierte Kaffeebar neben einem Gartentor. Der Betreiber stammte irgendwo aus dem Westen Rumäniens, nahe der ungarischen Grenze. Den Sommer verbrachte er hier bei seinen Eltern und verdiente sich mit Kaffee etwas dazu.

Am Strand angekommen hatte man die Wahl.

Wer Gesellschaft suchte, blieb in einer der beiden Strandbars.

Wer Ruhe wollte, ging ein paar Hundert Meter weiter.

Geht man nach links, teilt man den Strand nur noch mit einigen Kühen und Wasservögeln. Dieser Strand erstreckt sich von Sfântu Gheorghe bis Sulina über rund vierzig Kilometer. Hotels, Strandpromenaden oder Ferienanlagen sucht man hier vergeblich. Es gibt nur Sand, Meer und Wind.

der 40 km lange Strand zwischen Sfantu Gheorghe und Sulina, Donaudelta Rumänien
Kühe am 40km langen Strand nach Sulina

Geht man in die andere Richtung, gelangt man zur Mündung der Donau.

Sandbänke ragen weit hinaus ins Wasser. Der Fluss vermischt sich mit dem Schwarzen Meer.

Man kann kaum sagen, wo die Donau aufhört und das Meer beginnt. Es ist kein Ort, der mit grossen Attraktionen beeindrucken will.

Vielleicht hatte ich gerade deshalb nicht erwartet, dass er mich so berühren würde.

Vielleicht weil die Donaumündung über Jahre hinweg nur ein Punkt auf einer Weltkarte gewesen war. 

Nun war ich tatsächlich da.

Den Ort das Ende der Welt zu nennen, wäre wohl etwas übertrieben.

Das Ende Europas fühlte sich hingegen erstaunlich plausibel an.

Hier endet nicht nur die Donau.

Hier enden auch die Eile und das Gefühl, noch irgendwo hin zu müssen.

Hier fliesst die Donau in das schwarze Meer, das ist die Donaumündung des St. George Kanals in Sfantu Gheorghe in Rumänien
Hier endet die Reise der Donau

Abendstimmung in Sfantu Gheorghe, Endstation Donau

Abendstimmung auf der Landstsase in Sfantu Gheorghe im Donaudelta Rumänien
Abendstimmung in Sfantu Gheorghe
🛠️ Praktische Infos zum Donaudelta

  • 🛏️ Übernachtung in Tulcea: Als perfekte Basis vor dem Delta-Trip bietet sich das Hotel Egreta an. Es liegt sehr nah am Donauufer und der Flusspromenade. Einzelzimmer ab €40 pro Nacht.  Hinweis: Das Gebäude selbst gewinnt keinen Schönheitspreis, überzeug aber durch sein Preis-Leistungsverhältnis.
  • 🚤 Schneller Wassertransfer: Wer zügig und wendig durch die Kanäle nach Sfântu Gheorghe oder Mila 23 möchte, bucht am besten ein Schnellboot bei der privaten Firma Deltatransfer (transfer-delta.ro).
  • 🚢 Die klassische, langsame Fähre: Wer das Delta lieber ganz entschleunigt erleben möchte, nimmt die grossen Passagierschiffe der staatlichen Linie Navrom Delta. Die Schiffe fahren in der Regel um 13:30 Uhr in Tulcea ab. Den aktuellen Fahrplan und Online-Tickets finden Sie direkt auf der offiziellen Webseite von Navrom Delta.
🍽️ Kulinarische Highlights:
  • In Tulcea: Für ein perfektes Abendessen direkt an der Uferpromenade sorgt das Restaurant Ivan Pescar. Top-Adresse für hervorragende, fangfrischen Fischgerichte.
  • In Sfântu Gheorghe: Wer im Delta ankommt, sollte unbedingt im La Sfătoi essen gehen. Hier gibt es wunderbare, authentische lokale Küche direkt am Ponton mit Blick auf die Donau


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