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Rakia

Begleite mich durch Albanien und entdecke ein Land, in dem Gastfreundschaft nicht nur ein Wort, sondern gelebter Alltag ist.

Mein Handy klingelte um vier Uhr morgens.

Um 04:50 Uhr stand ich, wie vereinbart, an einer Tankstelle irgendwo in Tirana. Ehrlich gesagt glaubte ich nicht so recht daran, dass dort tatsächlich ein Bus auftauchen würde. Doch nach und nach gesellten sich noch weitere Wartende dazu. Wenige Minuten später bog tatsächlich ein Kleinbus um die Ecke.

Die Fahrt nach Koman dauerte fast vier Stunden. Kurz vor sieben hielten wir irgendwo in einem Dorf für eine Kaffeepause. Der Fahrer bestellte einen Kaffee und einen Rakia. Für ihn schien das die selbstverständlichste Kombination der Welt zu sein. Ich fragte mich kurz, wie die Promillevorschriften in Albanien wohl aussahen und bestellte einen Kaffee.
Rakia-Pause um 7 Uhr morgens
Je weiter wir nach Norden fuhren, desto schmaler wurden die Täler. Die letzten Meter führten durch einen einspurigen Tunnel, der direkt am Fähranleger endete.

Ich hatte erwartet, in Koman ein Dorf vorzufinden. Stattdessen herrschte zwischen Felswand und See bereits reger Betrieb. Autos, Kleinbusse, Wohnmobile und Motorräder warteten auf die Überfahrt. Daneben stand ein kleines Restaurant. Das Dorf schien irgendwo anders zu sein.
Fähranleger in Koman
Am Fähranleger gab es frisch gebackenen Byrek. Für einen Laien liess sich von aussen kaum erkennen, welche Füllung die Stücke hatten. Die Chance, einen ohne Käse zu erwischen, schätzte ich auf deutlich unter fünfzig Prozent. Das war mir zu riskant.

Kurz nach halb zehn legte die Fähre ab. Obwohl die Sonne längst aufgegangen war, war es auf dem Oberdeck empfindlich kühl. Trotzdem setzte ich mich ganz nach vorne an den Bug, direkt vor die Autos. Dort war ich alleine.

Ein Mitarbeiter bedeutete mir, den Platz zu verlassen. Sobald er sich wieder anderen Dingen widmete, schlich ich mich an meinen Platz zurück.

Während ich die Landschaft genoss, entwickelte sich auf dem hinteren Teil des Oberdecks langsam eine kleine Techno-Party. Dort floss schon am Vormittag der Wodka. Ganz vorne am Bug bekam ich davon kaum etwas mit.

Die Fähre schlängelte sich immer weiter durch die enge Schlucht. Hinter jeder Kurve öffnete sich ein neuer Abschnitt des Sees. Oft war der weitere Verlauf überhaupt nicht zu erkennen. Die Felswände rückten so nah zusammen, dass man kaum glauben konnte, dass sich dahinter noch Wasser verbarg.
Mit der Fähre auf dem Komansee
Auf dem Hinweg nach Fierzë
Gegen Mittag erreichten wir Fierzë. Auch hier schien der Ort fast ausschliesslich aus einem Fähranleger zu bestehen. Oberhalb des Sees fand ich ein gemütliches Restaurant mit Bänken und Sitzkissen. Auf der Speisekarte standen allerdings kaum Gerichte. Chips mussten genügen. Zum Glück hatte ich noch einen Apfel im Rucksack.

Da ich nicht weiter Richtung Kosovo reisen wollte, nahm ich am Nachmittag dieselbe Fähre zurück. Ich war der einzige Fahrgast, der die Hin- und Rückfahrt am selben Tag machte. Alle anderen wollten irgendwohin. Ich wollte einfach nur Fähre fahren.

Auf der Rückfahrt waren die Temperaturen deutlich angenehmer. Die Techno-Gruppe war verschwunden und auf dem Sonnendeck herrschte eine fast meditative Ruhe.
Auf dem Rückweg nach Koman
Die Fähre legte am späten Nachmittag wieder in Koman an. Von dort brachte mich der Kleinbus zurück nach Shkodra, wo ich die Nacht verbrachte.

Am nächsten Morgen fuhr ich kurz vor sieben zum Busbahnhof von Shkodra. Reserviert hatte ich nichts. Ich ging einfach davon aus, dass um diese Uhrzeit schon irgendein Bus irgendwohin losfahren würde. Mein Ziel war der Ohridsee.

Schliesslich stieg ich in einen Bus Richtung Pogradec. Während der Fahrt blätterte ich im Bradt Guide und blieb bei einem kleinen Dorf namens Lin hängen. Es klang genau nach dem, wonach ich gesucht hatte. Also liess ich mich an der Hauptstrasse absetzen und ging die letzten Kilometer zu Fuss.
Zu Fuss nach Lin
Im Erda Guest House begrüsste mich Danjella noch vor dem Zimmerschlüssel mit einem Rakia.

Nachdem ich mein Gepäck im Zimmer abgestellt hatte, zog es mich wieder nach draussen. Lin war zu klein, um sich zu verlaufen, aber genau gross genug, um einfach loszugehen.

Später führte mich ein kleiner Weg zu den Grundmauern einer byzantinischen Kirche aus dem 6. Jahrhundert. Berühmt ist der Ort für seine frühchristlichen Mosaike. Diese waren aber zum Schutz vor Witterung und Vandalismus abgedeckt.

Dafür traf ich auf einen Esel. Wir verstanden uns auf Anhieb und nachdem wir ein wenig miteinander herumgeblödelt hatten, genossen wir einen Moment lang gemeinsam die Aussicht über den Ohridsee.
Selfie mit einem Esel (rechts)

Blick auf den Ohridsee mit Mazedonien gegenüber

Lin an der gleichnamigen Bucht
Ganz vorne auf der Landzunge stand ein alter Bunker mit Blick über den Ohridsee. Albanien ist voll von ihnen. Während der kommunistischen Herrschaft Enver Hoxhas wurden im ganzen Land Hunderttausende Bunker gebaut – zur Verteidigung gegen mögliche Angriffe aus Ost und West.

Heute stand dieser Bunker einfach dort, als hätte er schon immer zur Landschaft gehört. Mich faszinierte weniger seine militärische Geschichte als die Selbstverständlichkeit, mit der er Teil dieses friedlichen Ortes geworden war.
Der alte Bunker aus der Hoxha-Zeit
Erst später erfuhr ich, dass im Inneren eine kleine Kapelle eingerichtet worden war. Hätte ich das gewusst, wäre ich wohl hineingegangen. Aber Bunker und moderne Militäranlagen interessieren mich wenig, deshalb hatte ich ihn einfach links liegen lassen.
Neugierige Bergziege oberhalb von Lin
Vom Bunker führte ein Weg hinunter zum See.

Am Ufer arbeitete ein Mann an einer Steinmauer. Ich fragte ihn, ob ich über sein Grundstück zum Wasser dürfe.

Der Mann nickte und fragte:

„Café?“

Ich bejahte freudig.

„Rakia?“

Auch dazu sagte ich nicht Nein.

Auf dem kleinen Steg standen bereits eine Getränkekiste und ein grosser Stein. Vermutlich trank der Mann hier sonst selbst seinen Kaffee und Rakia.

Der Ohridsee zählt zu den ältesten Seen der Welt. Aus irgendeinem Grund wollte ich deshalb unbedingt darin schwimmen. Vielleicht hoffte ich, dass ein sehr alter See die umgekehrte Wirkung haben und mich etwas jünger machen würde.

Also ging ich ins Wasser.

Als ich aus dem Wasser zurückkam, warteten Kaffee und Rakia bereits auf der Getränkekiste.
Ich setzte mich auf den grossen Stein und trank beides mit Blick auf den See. Viel passierte nicht. Es war trotzdem ziemlich grossartig.
Rakia und Café warteten nach meinem Bad bereits auf mich
Später bedankte ich mich mit Worten und Gesten herzlich bei dem Mann. Die leere Tasse und das Glas brachte ich zurück zur Steinmauer, an der er arbeitete. Dann verabschiedete ich mich und spazierte zurück Richtung Guest House.

Am Abend sass ich auf der wunderbaren Terrasse des Erda Guest House. Danjella servierte eine gegrillte Ohridforelle, dazu in Butter geschwenkte Kartoffeln und Salat.
Die wunderbare Terrasse bei Erda Guesthouse
Heute gibt es Ohrid-Forelle
Die Ohridforelle kommt nur im Ohridsee und seinen Zuflüssen vor. Um ihren Bestand zu erhalten, gelten heute strenge Schutz- und Fangbestimmungen.

Nachdem ich am Nachmittag im möglicherweise verjüngenden Wasser geschwommen war, probierte ich nun zum ersten Mal eine seiner Forellen.

Jungkur total.

Am nächsten Tag ging ich ohne grosses Ziel los. Zunächst folgte ich einem Weg in Richtung Nordmazedonien. Weit kam ich allerdings nicht. An einem verschlossenen Tor war Schluss.
Die offizielle Grenze verlief weiter oben an der Hauptstrasse. Neben dem Tor gab es jedoch eine Öffnung im Zaun.
Kleine Fischerboote am Ufer des Ohridsee

Ein Loch im Zaun nach Mazedonien
Ich setzte zumindest einen Fuss auf die andere Seite. Nur so zum Spass.

Danach wanderte ich in die andere Richtung bis nach Buqëz. Unterwegs kam ich an einem Peperonifeld vorbei. Eine davon wanderte direkt von der Pflanze in meinen Mund.

Illegaler Grenzübertritt und Gemüsediebstahl an einem Tag.
Das unwiderstehliche Peperonifeld
Nationalsymbol Albaniens - Der Doppeladler
Am nächsten Morgen tischte Danjella auf, als müsste sie eine ganze Reisegruppe versorgen. Es gab frisch gebackene Pfannkuchen mit selbstgemachter Marmelade und den obligatorischen Kaffee.

Während sie weiter buk, erzählte sie mir aufgebracht von einem Opel Corsa, den sie in der Schweiz gekauft hatte. Das Auto steckte irgendwo beim albanischen Zoll fest. Offenbar gab es ein Problem mit einer Euro-4-Regel, und nun drohten hohe Gebühren. Da das Auto aus der Schweiz stammte, hoffte sie wohl, ich könnte ihr erklären, weshalb. Ich musste sie enttäuschen.

Später stieg ich in den Bus nach Pogradec und ergatterte den letzten Platz ganz hinten.

„Hello, Friend!“

Ich grüsste zurück.

Er zeigte auf sich selbst.

„You know me?“

Erst jetzt erkannte ich ihn. Ohne Arbeitskleider und diesmal im Anzug hatte ich ihn zunächst gar nicht wiedererkannt. Es war der Mann, der mir am Vortag Kaffee und Rakia an den See gebracht hatte.

Wir unterhielten uns mit einfachen englischen Wörtern und vielen Gesten. Als wir in Pogradec ankamen, begleitete er mich bis zum Busbahnhof. Von dort wollte ich weiter nach Korça fahren.
Friend - Wir brauchten nicht viele Worte
Auf dem Weg blieb er plötzlich stehen.

„Café?“

Ich bejahte freudig.
Wir setzten uns in ein Strassencafé und bestellten Kaffee.

„Rakia?“

Ich schaute auf die Uhr. 09:52 Uhr.

Vor meinem inneren Auge nickte mir der Busfahrer vom ersten Reisetag zustimmend zu.

Als wir aufbrechen wollten, bestand ich darauf, die Rechnung zu bezahlen. Ich hielt dem Wirt das Geld hin, doch er weigerte sich beharrlich, es anzunehmen. Die beiden hielten zusammen. 
Friend bezahlte – und ich ergab mich der albanischen Gastfreundschaft.
Weiterfahrt - Bus nach Korça


🥃 Albanien im Glas

Rakia ist ein traditioneller Obstbrand, der auf dem gesamten Balkan verbreitet ist. Je nach Region wird er aus Trauben, Pflaumen oder anderen Früchten hergestellt.

Gekaufter Rakia enthält meist etwa 40 Prozent Alkohol. Hausgemachte Varianten können deutlich stärker sein. Bei hausgemachtem Rakia ist die Prozentzahl gelegentlich eher eine Schätzung als eine Angabe.

Doch Rakia ist mehr als nur ein Getränk: Er ist vor allem ein Zeichen der Gastfreundschaft.



🛠️ Praktische Informationen

⛴️ Fähre Koman – Fierzë
Den Bustransfer von Tirana nach Koman hatte ich damals telefonisch organisiert.
Telefon: +355 68 538 1882

🛏️ Übernachtung in Lin – Erda Guest House 
Zimmer inkl Frühstück ab €34
Telefon: +355 69 725 2348

🏧 Bargeld - In Lin gibt es keinen Bankomaten. Auch im Erda Guest House konnte man nicht mit Karte bezahlen. Nimm deshalb genügend Albanische Lek mit.

🚌 Bus Lin – Pogradec. Bei meinem Besuch fuhr der Kleinbus um 09:10 Uhr von der Kirche im Dorfzentrum nach Pogradec.

🇲🇰 Weiterreise nach Nordmazedonien
Von Lin führt die Weiterreise nach Struga oder Ohrid über den offiziellen Grenzübergang an der Hauptstrasse. Eine verlässliche Schiffsverbindung über den Ohridsee gibt es nicht.
Für Schweizer Reisende ist kein Visum erforderlich; ein gültiger Pass oder eine gültige Identitätskarte genügt. 

Die aktuellen Einreisebestimmungen vor der Reise nochmals prüfen.

📅 Diese Reise fand im Herbst 2021 statt. Die Informationen entsprechen dem damaligen Stand.

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