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Mangrovenaustern

Ich mag eigentlich keine Austern.
Und dann kam dieser Nachmittag in Boudediet.
Einer, an dem einfach alles stimmte.

Tatsächlich wäre ich alleine wohl nie nach Boudediet gekommen. Einige Tage zuvor hatte ich auf der Île Karabane Abdulai und Stéphane kennengelernt. Sie kannten den Ort und schlugen den Ausflug vor.

Der Weg dorthin war bereits Teil des Erlebnisses. Zuerst ein Taxi, um aus Cap Skirring ins nächste Dorf Kabrousse zu kommen, dann ein dreirädriges Gefährt mit Ladefläche, das irgendwo zwischen Tuk-Tuk und Kleintransporter angesiedelt war. Damit ging es über eine Holperpiste weiter. Zwanzig Minuten vielleicht. Oder mehr. Solche Fahrten verlieren unterwegs ihr Zeitgefühl.
Auf nach Boudediet
Die Piste hatte mehr Schlaglöcher als Strasse. Mir gefiel das. Mit uns fuhr allerdings eine hochschwangere Frau. Bei jeder Bodenwelle fragte ich mich, ob sie gerade eine Wehe mitgeliefert bekam.

Ich kam kurz mit ihr ins Gespräch. Das nächste Krankenhaus, in Ziguinchor, ist fast zwei Stunden Fahrt entfernt. Sie würde ihr Kind jedoch im Dorf Boudediet zur Welt bringen.

Das Campement le Paradis in Boudediet liegt am Bolong, einem jener Wasserarme, die sich durch die Mangrovenlandschaft der Casamance ziehen. Auf der anderen Seite beginnt bereits Guinea-Bissau.
Wir wurden von Julien und Egly herzlich empfangen.

Von unserem Tisch aus konnte man den Grenzposten erkennen.
Am Bolong zwischen Senegal und Guinea-Bissau
Während wir auf das Essen warteten, wanderte mein Blick immer wieder hinüber.

Ich hatte eine fast kindliche Lust, auf die andere Seite zu gelangen. Nicht weil dort etwas Bestimmtes auf mich gewartet hätte. Nicht weil ich einen Plan gehabt hätte. Sondern einfach deshalb, weil dort die andere Seite war.

Ich blieb aber sitzen und bekam einen Ricard.

Mit vielem hatte ich an diesem Nachmittag gerechnet. Mit Ricard nicht.

Während ich langsam an meinem Glas nippte, schien die Zeit still zu stehen. Niemand hatte es eilig.
Ein Ricard und eine Flasche Casamance-Wasser direkt am Bolong
Ein paar Männer standen um ein Feuer und warfen Äste hinein. Ich machte mir keine weiteren Gedanken darüber.

Dann kamen die Mangrovenstämme auf den Tisch.

Zunächst verstand ich gar nicht, was ich vor mir hatte.

Die Stämme waren schwarz vom Feuer. Daran hafteten Dutzende Austern. Sie waren direkt auf der Glut gegrillt worden.
Mangrovenstämme mit frisch gegrillten Austern
Jeder erhielt ein Messer.

Damit begann die Arbeit.

Die Schalen mussten geöffnet werden. Die Hände wurden schwarz vom Russ. Der Tisch wurde schwarz vom Russ. Die Messer wurden schwarz vom Russ.

Es war eine wunderbare Unordnung aus Feuer, Holz, Muscheln und Gelächter.

Die Austern stammten direkt aus den Mangroven. Dort wachsen sie an den Wurzeln und Stämmen, werden gesammelt und anschliessend über dem Feuer geröstet.
Abdulai - Künstlername Escargot
Ich mag eigentlich keine Austern.

Diese Austern waren durch das Grillen jedoch ganz anders, als ich sie kannte. Nicht weich und schlabbrig, sondern fester, mit einer rauchigen Note vom Feuer. Der typische salzige, leicht jodige Geschmack blieb dabei erhalten.

Lag es an der Umgebung? Oder an der abenteuerlichen Anreise? Vielleicht am Ricard. Oder doch an dem Blick auf Guinea-Bissau?

Wahrscheinlich war es die Summe all dieser Dinge. Jedenfalls gehörten diese Mangrovenaustern zu den besten Dingen, die ich je gegessen habe.

Nach den Austern folgte Seeteufel Yassa, eines der bekanntesten Gerichte Senegals. Fisch, Zwiebeln, Reis und eine Sauce, die genau die richtige Mischung aus Säure und Würze mitbrachte.

Auch der Seeteufel war hervorragend. Und trotzdem sprach am Ende niemand mehr über den Fisch.

Während wir assen, begann die Sonne langsam über den Mangroven zu sinken. Der Bolong wurde ruhiger. Das Licht weicher. Irgendwann verschwand die Sonne hinter den Mangroven auf der anderen Seite des Wassers. Es gab keinen Grund sofort aufzubrechen.
Abendstimmung in Boudediet
Als die Rechnung kam, bemerkte ich etwas Merkwürdiges.

Die Austern standen gar nicht darauf.

Auf der Rechnung standen der Seeteufel und die Getränke.

Die Mangrovenaustern nicht.

Sie gehörten einfach dazu. Als Ausdruck einer Gastfreundschaft, die sich nicht um Kalkulationen kümmerte.

Die besten Austern meines Lebens standen nicht auf der Rechnung.

🛠️ Praktische Infos

🛏️ Campement Mussuwam in Cap Skirring. Ein idealer Ausgangspunkt, um die Casamance zu erkunden. Direkt am Strand gelegen und mit einer schönen Terrasse.
Zimmer ab FCFA 15'000.

🦪 Die gegrillten Mangrovenaustern in Boudediet gibt es jeweils sonntags im Campement Le Paradis (Chez Julien). Vorbestellung empfohlen: +221 78 269 87 67
💵 Kartenzahlung ist nicht möglich. Unbedingt genügend Bargeld mitnehmen.

🛃 Weiterreise nach Guinea-Bissau
Wer – anders als ich – von der Casamance nach Guinea-Bissau weiterreisen möchte, kann das Visum beim Konsulat in Ziguinchor beantragen.

Diese Reise fand im Januar 2026 statt. Die Informationen entsprechen dem damaligen Stand.

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