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Von Narmer bis Nasser

Zwischen dem Nilometer und vergoldeten Sarkophagen: Ein Tag in Kairo, der von König Narmer bis zu Gamal Abdel Nasser durch fast 5.000 Jahre ägyptische Geschichte führt - und dazwischen ein kleiner Irrtum in der Kairoer Metro.

Nur wenige Schritte vom Talaat-Harb-Platz entfernt, liegt die Baehler-Passage zwischen den Gebäuden verborgen. Viele Läden wirken verlassen, der Putz bröckelt und dort, wo früher elegante Geschäfte gewesen sein müssen, hängen heute Kleider von der Stange oder stapeln sich namenlose Schuhe in den Auslagen.

Dabei war die Bähler-Passage einst eine der vornehmsten Einkaufsadressen Kairos.

Ende der 1920er-Jahre liess der Thuner Hotelier Charles Baehler den Gebäudekomplex errichten. Vorbild war die Pariser Rue de Rivoli. Elegante Geschäfte, Mode und Luxus machten die Passage zu einem Treffpunkt der besseren Gesellschaft Kairos.
Unter den Arkaden der Baehler-Passage
Heute erinnert vor allem die Architektur noch an diese Zeit. Wer den Blick von den heruntergekommenen Geschäften nach oben richtet, entdeckt die eleganten Arkaden und Fassaden.

Von der Baehler-Passage folgte ich der Corniche. Je näher ich dem Nil kam, desto ruhiger wurde es.
Der Nil lag fast spiegelglatt zwischen den Palmen. Kein Verkehr, kaum Menschen, keine Boote.
Ein stiller Seitenarm des Nils bei Roda Island
Für einen Moment fühlte sich Kairo erstaunlich weit weg an.

Über eine Brücke gelangte ich auf Roda Island.
Ich kam am Palast von Prinz Mohammed Ali vorbei. Die Tore waren allerdings noch geschlossen, also blieb mir nur ein Blick von aussen.
Prinz Mohammed Ali Palast auf Roda Island
Ich spazierte durch das ruhige Viertel auf Roda Island. Kaffee gab es wieder nirgends. Ramadan.

Kurz vor dem Nilometer war plötzlich Schluss. Eine grosse Baustelle versperrte mir den Weg, und ich musste mir eine neue Route suchen.
Billard auf Roda
Dabei stand ich plötzlich vor einer grossen Wasseraufbereitungsanlage. Genau hier hatte ich eigentlich nicht hinwollen.

Ich suchte weiter und fand kurz nach neun Uhr schliesslich doch noch den Eingang zum Nilometer.

Der offizielle Eingang wirkte erstaunlich modern. Es gab Kassen und sogar eine jener Sicherheitsschleusen, die piepsen, wenn man hindurchgeht.

Benutzt wurde sie an diesem Morgen allerdings nicht. Vermutlich auch im letzten Jahrzehnt nicht.

Stattdessen sass eine Frau an einem Tisch mitten im Garten und verkaufte Eintrittskarten. Zunächst versuchte sie, mich dazu zu bewegen, das Ticket online zu kaufen. Das funktionierte allerdings weder auf meinem noch auf ihrem Telefon besonders zuverlässig.

Schliesslich fragte sie vorsichtig, ob ich vielleicht Bargeld dabeihätte.

Das hatte ich.

Damit war das Problem gelöst.
Der Nilometer von aussen
Von aussen wirkt der Nilometer zunächst eher unscheinbar. Erst wenn man durch den Eingang geht und die Treppe hinuntersteigt, wird klar, was sich darunter verbirgt.

Beim Nilometer selbst war niemand.

Keine Reisegruppe. Kein Guide. Nur ein Gärtner, der gerade ein Bewässerungssystem reparierte. Ansonsten hatte ich den Ort ganz für mich allein.

Der Nilometer wurde im Jahr 861 auf Anordnung des abbasidischen Kalifen al-Mutawakkil errichtet. Gemessen wurde hier der Wasserstand des Nils. Die zentrale Säule im Inneren ist neunzehn ägyptische Ellen hoch – eine Elle entsprach damals etwa einem halben Meter.
Der fast 1200 Jahre alte Nilometer auf Roda Island
Das war weit mehr als eine historische Kuriosität.

Vom Wasserstand des Nils hing ab, wie gut die Ernten ausfallen würden. Zu wenig Wasser bedeutete Missernten und Hunger, zu viel Wasser konnte verheerende Überschwemmungen verursachen.

Auch die Höhe der Steuern richtete sich nach dem erwarteten Ertrag der Felder.

Der Nilometer war damit zugleich Wasserstandsmesser, Ernteprognose und Finanzamt – lange bevor man dafür ein Steuerformular ausfüllen musste.

Kaum ein Ort verdeutlicht die Bedeutung des Nils für Ägypten besser als dieser.

An diesem Morgen schien sich allerdings niemand dafür zu interessieren.

Vom Nilometer schlenderte ich über die Manasterly-Fussgängerbrücke auf die koptische Seite. Mein nächstes Ziel war das Babylonische Fort – und ein Kaffee.
Die Manasterly-Brücke verbindet Roda mit dem westlichen Nilufer
Alle drängten sich zur Hängenden Kirche. Dabei gäbe es die Kirche ohne das Fort wohl gar nicht.

Die römische Festung gehört zu den ältesten erhaltenen Bauwerken des koptischen Viertels. Die Hängende Kirche wurde später auf den Mauern der alten Festung errichtet.
Das babylonische Fort, das niemand beachtet
Von der Station Mar Girgis nahm ich diesmal die Metro zurück ins Zentrum.

Dabei landete ich offenbar wieder einmal im Frauenwagen.

Das war mir schon 2008 in Kairo passiert. Damals wollten Adi und ich in einen Frauenwagen einsteigen und wurden lautstark zurückgewiesen. Es gab Gekreische und Beschimpfungen, bis wir schliesslich begriffen, dass wir im falschen Wagen waren.

Die übrigen Wagen waren allerdings alle pumpenvoll. Ich schaffte es gerade noch hinein. Adi verpasste die Gelegenheit und musste den nächsten Zug nehmen.
Die Metrostation Mar Girgis - mit deutlich markiertem Frauenbereich
Diesmal war alles ganz anders.

Niemand sagte etwas. Und ich selbst bemerkte überhaupt nichts. Erst am nächsten Tag sah ich auf einem Foto, dass ich offenbar wieder im Frauenwagen gelandet war.

Diesmal war ich offenbar einfach der dumme Tourist, der nicht wusste, wo er hingehört.

Beim Tahrir-Platz stieg ich aus und ging zum Ägyptischen Museum.

Das Museum hatte den Charme eines riesigen Dachbodens, auf dem jemand vor langer Zeit beschlossen hatte, einfach alles stehen zu lassen.
Pharao Djoser - Erbauer der ersten Pyramide (3. Dynastie)

Pharao Khafre - Erbauer der zweitgrössten Pyramide von Gizeh (4. Dynastie)
 
Es war staubig, vieles wirkte wenig geordnet, und manchmal hatte ich den Eindruck:
"Hey, hier haben wir noch eine Statue von Ramses III. Stellen wir sie mal da hin."

Dabei befanden sich hier einige der bedeutendsten Zeugnisse der ägyptischen Geschichte.

Die Narmer-Palette zum Beispiel.

Sie stammt aus der Zeit um 3100 v. Chr. Damals waren Ober- und Unterägypten noch getrennte Herrschaftsgebiete. Die Vereinigung zu einem einzigen Ägypten war ein längerer Prozess, an dessen Ende offenbar König Narmer stand.

Auf der Palette ist Narmer mit der weissen Krone von Oberägypten und der roten Krone von Unterägypten dargestellt. Sie gehört zu den frühesten bildlichen Zeugnissen dieser Vereinigung und trägt einige der frühesten bekannten hieroglyphischen Inschriften.

Die fast 5000 Jahre alte Narmer-Palette

Ich hatte so viel über Narmer und diese Palette gelesen. Und jetzt stand sie einfach da.

Oder das Canopus-Dekret.

Wie der Rosetta-Stein ist auch das Canopus-Dekret ein ptolemäisches Priesterdekret. Beide wurden in Hieroglyphen, Demotisch und Griechisch verfasst.

Das Canopus-Dekret wurde 1866 entdeckt. Zu diesem Zeitpunkt hatte Jean-François Champollion den Rosetta-Stein längst entschlüsselt und damit den Weg zur Entzifferung der Hieroglyphen entscheidend geöffnet.

Der weitaus berühmtere Rosetta-Stein steht heute im British Museum in London.

Er wurde in Ägypten gefunden, erzählt ägyptische Geschichte und war entscheidend für das Verständnis der altägyptischen Schrift. Dass man ihn heute ausgerechnet in London sehen muss, finde ich schwer nachvollziehbar.

Das Canopus-Dekret in drei Schriften

Eine eigene Abteilung ist Echnaton und Nefertiti gewidmet: die Amarna Gallery.

Echnaton hiess ursprünglich Amenhotep  IV. Als Pharao stellte er die traditionelle Götterwelt Ägyptens auf den Kopf. Statt der vielen Götter, die zuvor verehrt worden waren, stellte er Aton, die Sonnenscheibe, ins Zentrum eines neuen Kultes. Viele sehen darin einen der frühesten Ansätze zum Monotheismus.
Pharao Echnaton (18. Dynastie)
Wahrscheinlich war Echnaton auch der Vater von Tutankhamun.

Interessant ist schon dessen Name. Er hiess zunächst Tutankhaton – ein Hinweis auf den neuen Aton-Kult seines Vaters. Nach Echnatons Tod kehrte Ägypten jedoch wieder zur alten Götterwelt zurück.

Aton verschwand aus dem Namen, Amun kehrte zurück.

Für die Abteilung mit den Schätzen Tutankhamuns musste ich zwar nicht anstehen, aber hier waren deutlich mehr Besucher als im restlichen Museum. Man merkte sofort, wo das grosse Interesse lag.

Ich reihte mich einfach in den Besucherstrom ein und begann bei den Sarkophagen.

Zuerst der mittlere Sarg aus vergoldetem Holz mit Einlagen aus farbigem Glas und Halbedelsteinen, dann der innerste Sarg aus massivem Gold. Mehr als 110 Kilogramm.

Howard Carter, der Archäologe, der 1922 das Grab Tutankhamuns entdeckte, nannte den Goldsarg später ein „unique and wonderful monument“.
Fussteil des goldenen Sarges von Tutankhamun
Und wenn man davorsteht, versteht man, warum. Die Verarbeitung ist unglaublich: die Reliefs, die Einlagen, die unzähligen kleinen Details. Alles wirkt so fein und präzise, dass man kaum glauben kann, dass dieses Stück mehr als 3.000 Jahre alt ist.

Die berühmte Totenmaske war noch einmal etwas völlig anderes.

Ganz ehrlich: Ich habe im Laufe der Jahre einiges gesehen. Aber diese Maske hat mich völlig erwischt. Diese Präzision, die unzähligen feinen Details, die Farben und Einlagen – und dann dieses Gesicht.
So fein, so ruhig, so unglaublich schön.

Was für ein Können. Was für eine Schönheit.

Fotos waren natürlich verboten.

Nach dem Museumsbesuch ging ich ins Café Riche.

Das Café gehört seit über hundert Jahren zum Stadtbild Kairos. Schriftsteller, Künstler und Politiker gingen hier ein und aus. Auch politisch spielte das Café immer wieder eine Rolle. Während der Revolution von 1919 gegen die britische Besatzung wurden im Keller heimlich antibritische Flugblätter gedruckt.

Zu seinen Gästen gehörte auch General Gamal Abdel Nasser. Hier soll er mit den Freien Offizieren die Revolution von 1952 geplant haben, die König Faruk stürzte und den Grundstein für das moderne Ägypten legte.

Und während der Revolution von 2011 wurde das Café wieder zu einem Zufluchtsort für Demonstrierende vom nahen Tahrir-Platz.

An diesem Tag war ich durch erstaunlich viele Kapitel ägyptischer Geschichte gelaufen: durch die Belle Époque der Bähler-Passage, über den mittelalterlichen Nilometer der Abbasiden, vorbei an den Spuren der Antike beim Babylonischen Fort und schliesslich ins Ägyptische Museum mit seinen Zeitzeugen von den frühen Dynastien bis zu Echnaton und Tutankhamun.
Tagesabschluss im Café Riche in Kairo
Und am Ende sass ich in der Gegenwart im Café Riche und bestellte ein Bier.

Eine Stella.

Nach ein paar tausend Jahren Geschichte war das vielleicht der passendste Abschluss.

🛠️ Praktische Informationen

🕒 Nilometer 
täglich 9-17 Uhr geöffnet, letzter Einlass um 16 Uhr
Eintritt 120 EGP

🕒 Ägyptisches Museum am Tahrir Platz
täglich 9-17 Uhr geöffnet, Ticketkasse schliesst um 16h
Eintritt 550 EGP

Diese Reise fand im März 2025 statt. Die Informationen entsprechen dem damaligen Stand.

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