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Historisches Archiv 2009-2011

Vogelinsel

Great Saltee 2022 - Ein einsames Eiland, raue Klippen und tausende Seevögel: Begleite mich an meinen absoluten Lieblingsort in Europa. Great Saltee vor der Küste Irlands ist ein echter Sackgassenort – wer hier ankommt, fühlt sich wie in einer prähistorischen Welt.

VOGELINSEL

Mein Lieblingsort in Europa liegt auf einer kleinen Insel vor der Südostküste Irlands.

Great Saltee.

Zum ersten Mal war ich 2006 dort. 

Evelyn stammt aus der Gegend. Ihr Vater war Berufsfischer, und über ihn bekamen wir den Kontakt zu einem Berufskollegen, der Besucher auf Great Saltee hinausfuhr.
Die Überfahrt nach Great Saltee begann in Kilmore Quay.

Dort lebte damals Sammy.

Sammy war eine Kegelrobbe und eine kleine Berühmtheit im Hafen. Er war auf einem Auge blind und auf dem anderen Auge stark sehbehindert. Trotzdem kam er im Hafen von Kilmore Quay erstaunlich gut zurecht. Während andere Robben aufwendig Fische jagen mussten, wartete Sammy einfach dort, wo die Fischerboote zurückkehrten.

Ich erinnere mich noch daran, wie nahe er an den Bootssteg kam. So nahe, dass die Grenze zwischen wildem Tier und Dorfbewohner erstaunlich unscharf wurde.

Sammy die halbblinde Kegelrobbe im Hafen von Kilmore Quay ist mittlerweile leider verstorben.
Sammy, die Kegelrobbe 2006
(Foto eingescannt ab Papierdruck)

Bei meinem ersten Besuch waren wir die einzigen Besucher auf der Insel.

Das klingt heute fast erfunden.

Wir wurden hinausgefahren, stiegen an Land und hatten Great Saltee für uns allein.

Die damalige Überfahrt habe ich vergessen.

Die Insel dagegen nicht.
Manche Orte verblassen erstaunlich schnell. Nicht aber Great Saltee.

Fast zwei Jahrzehnte später wollte ich wissen, ob die Insel meiner Erinnerung standhalten würde. Vor allem aber wollte ich sie meinen Kindern zeigen.

Im Sommer 2022 fuhren wir deshalb zurück nach Kilmore Quay.

Inzwischen hatte sich einiges verändert. Der Fischer, den man früher kennen musste, hatte aus den Überfahrten längst ein Geschäft gemacht. Tickets wurden ganz normal im Hafen verkauft.

Das Boot war nicht voll.

Die anderen Passagiere waren offensichtlich Vogelbeobachter. Schon am Hafen von Kilmore Quay wurden Teleobjektive ausgepackt, die aussahen, als könnten sie Vögel auf der fünf Kilometer vorgelagerten Inseln fotografieren.

Die Keltische See kann auch im Hochsommer rau sein.

Kaum hatten wir den Hafen verlassen, zogen wir unsere Regenjacken über. Nicht wegen des Regens. Gegen den Wind und die Gischt, die regelmässig über das Boot flog. Uns war jede zusätzliche Schicht willkommen.

Die Überfahrt dauert etwa 20 Minuten. Gerade lang genug, damit der Wind die Gespräche verstummen lässt und alle den Blick auf die langsam näher kommende Insel richten.

Great Saltee besitzt keinen Landesteg. Das Boot ankert vor der Küste, die letzten Meter legt man in einem Schlauchboot zurück. Je nach Wasserstand steigt man mit den Füssen im Wasser oder direkt auf einen schmalen Strand aus Sand, grobem Kies und glitschigen Felsen aus.

Danach beginnt der Aufstieg. Eine steile Steintreppe führt hinauf durch dichtes Grün. Oben wartet kein Kassenhäuschen, keine Strasse und kein Besucherzentrum - nur Gras.

Ankunft auf Great Saltee in Irland. Erst mal einfach den Weg hinauf zu den Klippen
Erste Eindrücke der Vogelinsel

Die ersten Schritte über die Insel wirken noch ganz unspektakulär. Bis plötzlich ein steinerner Thron auftaucht.

Er geht auf Michael Neale zurück, der als Zehnjähriger seiner Mutter versprach, die Insel eines Tages zu kaufen und sich selbst zum Prinzen zu machen.

Jahrzehnte später machte er sein Versprechen tatsächlich wahr. Er kaufte die Insel, liess sich als Prinz Michael I. ausrufen und errichtete auf Great Saltee einen steinernen Thron, einen Obelisken und einen Fahnenmast.

Inschrift auf dem Thron von Saltee Island, Irland
Inschrift auf dem steinernen Thron

Manche Kindheitsträume werden vergessen.
Andere hinterlassen einen Thron in einem Vogelschutzgebiet.

Nach seinem Tod blieb Great Saltee im Besitz der Familie. Bis heute gehört die Insel den Neales, und sein ältester Sohn trägt den Ehrentitel Prinz Michael II.

der Thron aus Stein auf Great Saltee Island in Irland.
King Elliott I

Die meisten Besucher kommen aber wegen den Papageientauchern.

Zu Recht.

Mit ihren bunten Schnäbeln wirken sie, als wären sie eine Kreuzung zwischen Pinguin und Clown. Sie sitzen vor ihren Bruthöhlen, beobachten die Besucher und schauen so drein, als wüssten sie selbst nicht, ob sie die Situation gerade lustig oder traurig finden sollen.

Meine Kinder sassen lange oberhalb der Klippen im Gras und beobachteten die Papageientaucher.

Die Papageientaucher beobachteten gelegentlich zurück.

Kinder beobachten Papageientaucher auf Saltee Island an der Südküste Irlands
Wunderschöne Begegnung mit Papageientauchern

Papageientaucher auf Great Saltee. Ein toller Tagesausflug im Süden von Irland.

  

Und dann sind da die Farne. Niemand erzählt einem von den Farnen.

Irgendwann verschwindet der Weg zwischen dichtem Grün. Die Pflanzen reichen meinen Kindern bis zu den Schultern.

Sie liefen voraus und tauchten zwischen den Farnen immer wieder auf und wieder ab.

Der Wind blieb draussen. Vom Meer sah man kaum noch etwas.

Die Farne gedeihen so wunderbar, weil Zehntausende Seevögel die Insel seit Generationen mit feinstem Guano düngen und weil es keine Schafe oder andere Weidetiere gibt, die den Adlerfarn zurückdrängen würden.

Adlerfarn auf Puffin Island. Great Saltee im Süden von Irland. Meine Kinder sieht man zwischen den Farnen kaum mehr
Adlerfarn soweit das Auge reicht

Dichter Adlerfarn bedeckt einen grossen Teil von Great Saltee Island vor der südirischen Küste
Mitten auf der Vogelinsel -
Ein Meer aus Farnen

Dann lichtete sich das Grün plötzlich.

Der Wind war zurück.Vor uns führte ein schmaler Pfad über die Insel auf einen Felsvorsprung hinaus.

Dahinter öffnete sich eine andere Welt.

Basstölpel, Eissturmvögel, Tordalke und Trottellummen teilten sich die Klippen. Trottellumme ist ein Name, den sich auch Loriot hätte ausdenken können. Das englische Guillemot klingt deutlich eleganter.

Basstölpelkolonie auf Great Saltee Island, Saltees in Irland
Basstölpel an Basstölpel

Ein Pärchen Trottellummen mit einem Baby auf Saltee Island Irland
Trottellummen auf Great Saltee
(eingescannter Papierdruck von 2006)

Überall flog etwas.

Überall sass etwas.

Überall bewegte sich etwas.

Die Insel wirkte plötzlich urzeitlich. Fast wie Jurassic Park. Nur ohne Pteranodons.

Unten an den Felsen liegen Kegelrobben. Weit entfernt. So weit entfernt, dass man sie eher beobachtet als besucht. Und genau so sollte es sein.

Später brachte uns das Boot zurück nach Kilmore Quay. Am Hafen wartete kein Sammy mehr. Die berühmte Robbe war inzwischen verstorben. Die Insel selbst hatte der Zeit erstaunlich gut widerstanden. Sie hat sich dem modernen Tourismus nie ganz ergeben.

Es gibt kein Café, keinen Kiosk und kein Besucherzentrum. Wer einen Tag auf der Insel verbringen will, bringt sein Picknick und sein Trinkwasser selbst mit.

Auch die Besuchszeiten sind streng geregelt. Tagesbesucher dürfen die Insel nur zwischen 11:30 Uhr und 16:30 Uhr betreten. Übernachten ist grundsätzlich verboten.

«No exceptions will be made. Please do not ask.» findet man auf der Webseite.

Auch die Zahl der Besucher bleibt begrenzt. Nicht durch Drehkreuze oder Eintrittsschranken, sondern ganz einfach durch die Anzahl der Plätze auf den Booten.

Hunde, Drohnen und offenes Feuer sind verboten. Zu den brütenden Vögeln muss Abstand gehalten werden. Die Eigentümer weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Insel für Besucher komplett geschlossen werden könnte, falls die Tierwelt zu stark gestört wird.

Die Insel gehört den Vögeln. Wir sind nur zu Besuch.

Auch sonst scheint die Zeit auf Great Saltee etwas langsamer zu vergehen. Auf der offiziellen Webseite endet die Rubrik «Saltee News» auch heute noch im Jahr 2009.

Das passt erstaunlich gut zum Charakter der Insel.

Great Saltee ist heute aber längst kein Geheimtipp mehr. Die Überfahrten sind gerade in den Sommermonaten oft Wochen im Voraus ausgebucht.

Vor zwanzig Jahren musste man einen Fischer kennen, um auf Great Saltee zu kommen. Heute reicht WiFi.

Der Weg dorthin hat sich verändert.

Die Insel nicht.

Als wäre Zeit nur etwas, das auf dem Festland vergeht.

Abendstimmung über Great Saltee Island in Irland. Die Insel der Papageientaucher
Abendstimmung über Great Saltee

🛠️ Praktische Infos 

🌐 Das geschützte Vogelparadies: Hintergrundinformationen zur Insel sowie die aktuellen Besuchs- und Verhaltensregeln findet man auf Saltee Islands Info

🐧 Puffin-Saison (Papageientaucher): Die Papageientaucher kommen nur während der Brutzeit auf die Insel. Sie sind von April bis Ende Juli anzutreffen. Die besten Chancen für Beobachtungen und Fotos bestehen im Mai und Juni. Ab August verbringen sie ihre Zeit wieder auf dem offenen Meer.

⛴️ Anreise ab Kilmore Quay: Great Saltee befindet sich in Privatbesitz und ist nur mit einem Bootstransfer erreichbar. Da die Plätze begrenzt sind, empfiehlt sich eine frühzeitige Online-Reservation bei Saltee Ferry.

🛶 Anlandung: Great Saltee besitzt keinen Landesteg. Vor der Insel steigt man in ein Schlauchboot um und landet direkt am Strand. Je nach Gezeitenstand bleibt man trocken oder bekommt nasse Füsse.

♿ Keine Barrierefreiheit: Vom Strand führt eine steile Steintreppe hinauf auf die Insel. Die Wege sind unbefestigt und für Rollstühle oder Kinderwagen nicht geeignet.

🚻 Keine Infrastruktur: Auf der Insel gibt es weder Toiletten noch Unterstände, Cafés oder Einkaufsmöglichkeiten. Picknick und Trinkwasser müssen selbst mitgebracht werden.

♻️ Abfall: Auf Great Saltee bleibt nichts zurück. Sämtlicher Abfall muss wieder mitgenommen werden – ausdrücklich auch Apfelgehäuse, Bananenschalen und andere organische Abfälle.




2 Kommentare:

  1. Merci pour ce beau voyage

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  2. Merci pour les belles photos de cette île sauvage. Comme ils ont raison de la protéger.
    Les merveilleux macareux, cadeau du ciel.

    La traduction en français du blog est top
    La grand-mère du prince Elliott 1er

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